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Willkommen
in der modernen Sklaverei!
Den Begriff
eines Sklaven kennen Sie sicherlich aus dem Geschichtsunterricht.
Es ist ein Mensch, der seiner persönlichen Freiheit beraubt ist
und zum Zwecke der wirtschaftlichen Ausbeutung als Eigentum eines
anderen behandelt wird. Dieses wird gegen den Willen der Person mittels
physischer, psychischer oder institutioneller Gewalt erzwungen.
Nun stellen Sie sich doch einmal vor, es käme bei Ihnen auf der
Arbeit immer mal jemand vorbei, um Sie mit Worten wie "Hopp,
hopp, nun aber etwas schneller gearbeitet!" oder "Das reicht
längst nicht, ich brauche mehr!" oder "Wenn ich das
nächste Mal vorbeikomme, müssen Sie drei Prozent mehr geschafft
haben!" zu mehr Leistung antreiben wollte. Nein, ich meine nicht
Ihren Vorgesetzten, denn der macht ja so etwas hoffentlich nicht.
Und wenn dann wahrscheinlich nur, weil er das Gleiche von diesen ominösen
Herren zu hören bekommt. Sicherlich würde Ihr Chef ihn sogleich
fragen - geschäftstüchtig, wie Chefs eben so sind -, wie
viel der Herr für die erwartete Mehrleistung an Pinkepinke rüberstrecken
würde. In diesem Fall würde dieser ganz laut lachen, einmal
mit seiner Peitsche in die Luft schlagen und sagen, dass Sie alle
seine Sklaven seien, und wenn seine Forderungen nicht recht bald erfüllt
würden, er den Laden demnächst schließen werde. Er
würde seine muskelbepackten Kumpels vorbeischicken und die ganze
Belegschaft inklusive Chef auf die Straße setzen. Und so kommt
er bereits seit Jahren und Jahrzehnten bei Ihnen vorbei, mit immer
den gleichen Forderungen und sie rackern und rackern, zahlen und zahlen.
Bestimmt denken Sie jetzt, dass es sich bei meinen Ausführungen
um eine Räuberpistole aus einem schlechten Krimi oder den Stoff
für einen Thriller mit der Russenmafia handeln müsste. Sie
würden ja diesen Herren sicherlich des Betriebsgeländes
oder Büros verweisen und, wenn er dieses nicht tun würde,
die Polizei rufen und ihn wegen des Versuchs der Nötigung anzeigen.
Dann würde sich ein Gericht mit ihm beschäftigen und bei
wiederholtem Fehlverhalten zeitweise aus dem Verkehr ziehen. So würde
es wohl auch sein.
Aber nun stellen Sie sich vor, Sie könnten diesen Herren gar
nicht bei der Polizei anzeigen, weil sein Verhalten dem geltenden
Recht entsprechen würde. Aus diesem Grunde wären Sie tatsächlich
gezwungen, ihm einen Teil Ihrer Arbeitsleistung, des erwirtschaften
Geldes und der Lebenszeit zu überlassen, und das ohne jegliche
Gegenleistung von ihm. Und weil seine Forderungen regelmäßig
erhöht würden, müssten Sie immer mehr und mehr arbeiten.
Außerdem würde die Firma tatsächlich schließen,
wenn Sie seinen Erwartungen nicht entsprächen. Jetzt werden Sie
sicherlich sagen, dass ich wohl schlecht geschlafen habe und offensichtlich
etwas verwechsele. Sklaven zu halten, ja das war doch früher
einmal, das hätten Sie doch in Geschichte gelernt, das sei doch
längst Vergangenheit, das dürfe doch heutzutage niemand
auf der Welt mehr, nicht einmal im entferntesten Busch. Und außerdem
lebten wir in einem Rechtsstaat und einer Demokratie, wo so etwas
völlig undenkbar sei. Sie haben völlig Recht, Sklaven zu
halten ist heutzutage verboten, und niemand kommt bei Ihnen auf der
Arbeitsstelle mit einer Peitsche vorbei und bedroht Sie körperlich.
Dennoch kommt Ihnen sicherlich einiges von dem, was ich geschildert
habe, bekannt vor. Insbesondere, dass Sie ständig zu mehr Arbeitsleistung
genötigt werden. Das verlangen möglicherweise die Firmenleitung,
der Chef, die Konkurrenz, "der Markt" usw. Vielleicht denken
Sie: Ja der Chef ist einfach nur ein böser Ausbeuter oder die
Konkurrenz ist so hart, oder Ähnliches. Das kann schon sein,
aber es ist auch so, dass es den meisten anderen Menschen ebenso ergeht.
Wo immer Sie hinschauen, die meisten Arbeitenden sind fürchterlich
am Rotieren und müssen immer weiter einen Zahn zulegen. Da könnten
Sie sich doch einmal fragen, für wen oder was eigentlich die
ganze Hektik nötig ist? |

Die Menschen
in Deutschland könnten dank der hohen Arbeitsproduktivität längst
in Freiheit, sozialer Sicherheit und Wohlstand leben. Stattdessen werden
Löhne, Renten und Sozialleistungen immer weiter gekürzt, Arbeitszeiten
verlängert, steigen Leistungsdruck und Arbeitsstress, wachsen Kriminalität
und soziale Notlagen, geraten immer mehr Menschen trotz Arbeit in die
Armut. Im Gegensatz dazu sprudeln immense Gewinne bei Großkonzernen,
werden Reiche immer reicher.
Im Deckmantel
der Propaganda von Wachstum und Beschäftigung bewegt
sich unsere Gesellschaft auf eine neuartige Form der Sklaverei zu. Am
Endpunkt dieser Entwicklung herrscht eine reiche Minderheit wie zu Zeiten
des Feudalismus über die arbeitende Masse, nur dass dieses nicht
so offensichtlich ist wie damals.
Die Hauptursache
ist in unserem Geldsystem zu finden. Dieses macht die Reichen automatisch
immer reicher und die Armen immer zahlreicher. Der Autor beschreibt auf
anschauliche und provokante Weise diese Entwicklung und zeigt Lösungen
auf
Copyright:
2006 Detlef Ouart
Grafiken: Detlef Ouart
Illustrationen und Umschlag: Matthias Weher
Herstellung: Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN 3-8334-4947-0
Umfang: 180 Seiten
Preis: 14,90 Euro
>Erhältlich
bei Amazon
.
Copyright:
2006 Detlef Ouart, Verbreitung mit Quellenangabe erwünscht!
Inhaltsverzeichnis
und Buchauszüge
(Links)
Einleitung
Das Betrugsystem
Die vier Regeln des Kapitalismus
Regel Nr. 1 des Kapitalismus: Aus Kapital
noch mehr Kapital machen
Regel Nr. 2 des Kapitalismus: Die Arbeitenden zahlen grundsätzlich
die Zeche
Regel Nr. 3 des Kapitalismus: Fremde Arbeit macht reich
Regel Nr. 4 des Kapitalismus: Irgendwann ist Schluss mit Geldvermehrung
und "alle" beginnen wieder bei null
Der Wachstumswahn - eine Geisteskrankheit
Modernes
Sklaventum
Geld regiert die Welt
Das
Arbeitsideal
1. Notwendige Arbeit
2. Bereichernde Arbeit
3. Überflüssige Arbeit
Überflüssiger Konsum
Zeit ist Geld
Die
Leistungsgesellschaft
Effizienz
Arbeiten wie eine Maschine
Arbeit als Beschäftigungstherapie
Der ganz normale Mobilitätswahn
Der Finanzplan, ein Muss für jedes Arbeitstier
Persönliche Krisen
Leistung, die Leiden schafft
Die Gesundheitsindustrie
Der ganz normale Drogenmissbrauch
Das Fass zum Überlaufen bringen
In der Reparaturwerkstatt
Arbeitslosigkeit, eine Zeit zur Besinnung
Auf Abstinenz gesetzt
Ihr Eigenwert als Arbeitsloser
Arbeitslosigkeit als persönliche Entwicklungschance
Faulheit hält gesund
Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt
Der Wert der Arbeit
Man muss ja heutzutage froh darüber sein, überhaupt
eine Arbeit zu haben
Die Wachstumskrise
Stillstand ist Rückschritt
Konjunkturprogramme, Sozialhilfe zur Renditesteigerung
Kuchen wachsen nicht unendlich
Die Verteilung der Kuchenstücke
Reformen, die keine sind
Verteilungskämpfe
Die
schöne neue Freiheit
Sozial gleich asozial (Hartz
IV ist erst der Anfang)
Das freiheitliche Jobnomadentum
Die Wegwerfgesellschaft
Zurück in die Zukunft
Moderner
Feudalismus
Die deflationäre Abwärtsspirale
Die Konzerndiktatur
Sklaven an der unsichtbaren Kette
Sicherheit, ein Konjunkturprogramm
Eine Karikatur zur effektiven Sklavenhaltung
Vertrauen
ist gut, Kontrolle ist besser (die Politik)
Die nichtgewählte Regierung
Die Medienmacht
Die
Endkonsequenz
Krieg - Kapitalakkumulation im Blitztempo
Zusammenfassung
Der Schuldenschwindel
Eine Wahlkampfveranstaltung, die fast wahr sein könnte
Die Reform des Geldsystems
Die Freiwirtschaft
Regionalwährungen
Arbeitszeiten halbieren statt verlängern!
Die Zeit ist reif für den Wechsel!
Buchauszüge
Sie erfahren
in diesem Buch viele Hintergründe zu den Problemen unserer Gesellschaft
und auch in persönlichen Angelegenheiten. So werden Sie z. B. erfahren:
- warum die Wirtschaft immer wachsen soll und Arbeitende deshalb zu immer
mehr Arbeitsleistung gezwungen werden,
- warum so viele Menschen arbeitslos sind, obwohl diese doch beim Wirtschaftwachstum
mithelfen sollen,
- warum Arbeitslosen wie Arbeitenden Lohn- und Sozialleistungen gekürzt
und gestrichen werden, obwohl doch alle als Konsument möglichst viele
Waren kaufen sollten,
- warum die Arbeitswelt immer hektischer und stressiger wird, obwohl sich
die Produktivität auf einem in der Geschichte nie erreichtem Niveau
bewegt,
- warum dieses an moderner Sklaverei grenzt,
- warum unsere Arbeitswelt weitestgehend als Zulieferer für die Gesundheitsindustrie
fungiert,
- warum die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklappt,
- warum alles in Schulden versinkt und einige wenige im Geld schwimmen,
- warum die soziale Not immer größer wird und damit die Kriegsgefahr
wächst,
- warum die meisten Politiker keinen Ausweg aus der Misere finden,
- warum Sie in den Massenmedien kaum Antworten auf diese Fragen finden
werden,
- nach welchen Regeln das Ganze abläuft und wie man diese verändern
muss,
- und schließlich: was dieses alles mit unserem Geld zu tun hat
bzw. warum Geld die Welt, und damit uns alle, regiert.
"Das
Geld ist für den Tausch entstanden, der Zins aber weist ihm die Bestimmung
an, sich durch sich selbst zu vermehren. Daher widerstreitet auch diese
Erwerbsweise unter alle am weitesten dem Naturrecht."
(Aristoteles, griechischer Philosoph)
Copyright:
2006 Detlef Ouart, Verbreitung mit Quellenangabe erwünscht!
Die vier Regeln des Kapitalismus
Der Kapitalismus ist eine tolle Sache! Er hat uns Mikrowellen, Farbfernseher,
HiFi-Anlagen, Geschirrspülmaschinen, Handys, Faxgeräte, Quarzuhren,
Autos mit Airbag und ABS, Playstations und Nintendo, Satellitenschüsseln,
unzählige Fernsehkanäle, Filme auf Video und DVD, Surround Sound,
Digitalkameras, Computer, das Internet und viele andere schöne und
nette Sachen beschert. Wie hatte man nur früher ohne diese Dinge
auskommen und glücklich sein können? Man ist geneigt, von einer
Erfolgsstory zu sprechen. Was bedeutet nun konkret Kapitalismus? Wie bei
allen Ismen verrät schon allein der Name den Sinn der ganzen Veranstaltung
und man möchte vom Angepriesenen logischerweise auch möglichst
viel besitzen. Beim Sozialismus möchte man möglichst viel an
Sozialem haben, beim Nationalsozialismus an Nationalem, beim Islamismus
oder Katholizismus möglichst viel an richtigem Glauben, beim Kommunismus
Kommunales, also möglichst viel an "allen gehört alles"
und beim Kapitalismus natürlich möglichst viel an Kapital, um
daraus mehr und immer mehr zu machen. Und deshalb ist der Kapitalismus
auch so schön, denn wer hätte nicht gerne immer mehr davon -
Sie etwa nicht?
Halten wir also als erstes Wichtige Folgendes fest: Kapitalismus bedeutet,
aus Kapital immer mehr Kapital zu machen.
Regel Nr.
1 des Kapitalismus: Aus Kapital noch mehr Kapital machen
Sie dachten sicherlich bisher, man könnte mit Unternehmungen und
Geschäften so richtig Knete machen. Nun, das kann man auch. Aber
es ist mit Anstrengungen verbunden, und man weiß nie so recht, was
letztendlich dabei herauskommt. Besser ist, man macht es auf die bequeme
Tour. Und das geht so: Die Banken sagen uns ja täglich "Machen
Sie mehr aus Ihrem Geld!" oder neuerdings "Steigern Sie Ihren
Ertragswinkel!" Und wirklich dumm ist, wer seine Penunzen nicht dort
vermehrend anlegt. Ja, der Kapitalismus möchte doch, dass es wirklich
jedem gut geht und jeder richtiggehend in Geld schwimmt. Und deshalb können
Sie Ihr Geld auch für eine Verzinsung von 5 Prozent durch den Zinseszinseffekt
alle 14 Jahre verdoppeln, nach 28 Jahren vervierfachen und nach rund 48
Jahren sogar verzehnfachen. Und wenn Sie Ihr Erspartes jeden Monat um
einen gewissen Betrag aufstocken, geht es noch schneller mit der Vermögensbildung.
Sie besitzen bei einer monatlichen Rate von 400 Euro nach 15 Jahren bereits
über 100.000 Euro. Dafür müssen Sie leider etwas tun und
arbeiten. Aber wenn das wirklich jeder Bundesbürger tun würde,
wären wir bereits nach gut 50 Jahren allesamt Millionäre und
Schluss wäre es mit dem anstrengenden Leben. Aber es geht noch weiter,
denn danach läuft der Laden wie von selbst. Sie kennen ja den Spruch:
"Die erste Million ist die schwerste und die zweite kommt von selbst."
Und zwar bei 5 Prozent p. a. nach 15 Jahren völlig leistungslos!
Sie bekommen also innerhalb der nächsten 15 Jahre die nächste
Million von der Bank überwiesen, ohne auch nur einen Finger zu rühren.
Na, das ist ja toll, aber auch das ist noch nicht alles, denn die Krönung
kommt noch: Ein Cent, bei Christi Geburt zu 5 Prozent Zins auf die hohe
Kante gelegt, wäre heute im Jahre 2006 auf über 30 Sextilliarden
Euro - das ist eine 3 und 40 Nullen - angewachsen!
Nun stellen Sie sich diesen Wohlstand vor! Alle Menschen dieser Welt lebten
in großzügigen Villen, hätten mindestens zehn dicke Schlitten
vor der Tür zu stehen und flößten sich vorm Swimmingpool
Longdrinks wie am Fließband ein! Niemand bräuchte mehr in der
Frühe aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Alle Menschen würden
das Leben in vollen Zügen genießen und nur noch das tun, was
ihnen gerade gefällt. Rentenprobleme, Finanzlöcher in den Gesundheitskassen,
Armut und Sozialfälle wären völlig unbekannt. Ja, der Kapitalismus
ermöglicht doch glatt das Paradies auf Erden - wenn das der Marx
geahnt hätte!
Ich sehe gerade Ihr verdutztes Gesicht, denn zwischen Theorie und Realität
klaffen wahrlich Welten. Man könnte meinen, dass nur wenige Menschen
den Sinn des Kapitalismus wirklich verstanden hätten - wie dumm.
Wahrscheinlich erahnen Sie bereits den Pferdefuß bei der Sache.
Genau, wenn wirklich jeder stinkreich wäre, könnte man sich
mit seinem Geld zwar die ganze Wohnung tapezieren, aber nichts mehr dafür
kaufen. Es wäre nämlich niemand mehr da, der arbeiten, also
für das Geld Waren oder Dienstleistungen anbieten würde. Man
müsste glatt seine Geldscheine wieder von der Wand kratzen und vertilgen,
um nicht zu verhungern. Ja, so naiv kann man auch wirklich nicht sein,
denn Zinsen, die man von der Bank erhält, müssen ja auch von
jemand erwirtschaftet werden. Geld ist nur das wert, was man sich dafür
kaufen kann, und wenn wirklich jeder Millionen auf seinem Konto hätte,
wäre das Geld wie anno 1923 kaum noch etwas wert. Man könnte
sich nicht mal mehr ein Brot für seine Million kaufen.
Damit das nicht so weit kommt, sollte die Menge an Waren und Dienstleistungen
der ständig wachsenden Geldmenge möglichst angepasst werden.
Woher soll das Geld für die Zinsen denn sonst kommen? Anders gesagt
muss das Geld immer wieder investiert werden und deshalb benötigen
wir ein ständiges Wirtschaftswachstum. Oder noch anders ausgedrückt
müssen Sie, du und ich - also wir alle - Jahr für Jahr wegen
der Zinsen und auch wegen der Renditen immer mehr, schneller, härter
und innovativer arbeiten. Ja, wer viel bekommt, muss auch viel dafür
tun, oder was denken Sie denn?! Aber ich verrate Ihnen noch etwas: Wir
dürfen nicht nur dafür rackern, sondern tragen auch noch sämtliche
Kosten für die Kapitalvermehrungsmaschinerie. So kommen wir nun zur
zweiten Regel des Kapitalismus:
Regel Nr. 2 des Kapitalismus: Die Arbeitenden zahlen grundsätzlich
die Zeche
Als Privatperson können Sie selbst bestimmen, ob Sie einen Kredit
aufnehmen und sich für einen gewissen Zeitraum verschulden möchten,
um etwas zu kaufen. In der Wirtschaft dagegen geht ohne Fremdkapital meistens
sehr wenig. Und da wir alle über unsere Arbeit und den Konsum mit
der Wirtschaft verknüpft sind, zahlt jeder immense Zinsen, auch wenn
er gerade nicht verschuldet ist. Wir zahlen also generell die Zeche, und
das geht so:
Bis ein Produkt am Markt gekauft werden kann, müssen dafür im
Vorfeld noch viele Voraussetzungen geschaffen werden. Diese sind zumeist
mit hohen Kosten verbunden. Da gibt es Kosten für Marktforschung,
Entwicklungskosten des Produktes, Kosten für Produktionsanlagen,
die zur Herstellung benötigt werden, die Geschäftsräume
oder Produktionshallen müssen gebaut oder angemietet werden, Werbestrategien
entwickelt und Absatzmärkte gefunden werden usw. Und wie gesagt kostet
dies alles meistens sehr viel Geld, noch bevor auch nur ein Stück
verkauft worden ist. Nun werden diese Kosten, wie alle anderen Kosten
vom Chef, von den Unternehmen und Firmen in die Endpreise der Produkte
und Dienstleistungen einkalkuliert, die wir alle mitbezahlen müssen.
Wenn Sie also etwas kaufen, zahlen Sie auch immer die darin enthaltenen
Zinsen gleich mit. Je höher die Vorfinanzierung, desto höher
der Zinsanteil, der auf etwa 40 Prozent geschätzt wird. Im Wohnungsbau
kann dieser Anteil bis zu 80 Prozent betragen, die Sie über die Miete
bezahlen! Letztendlich müssen also Sie, du und ich, nicht nur immer
mehr für die Zinsen malochen, sondern letztendlich auch noch sämtliche
Kosten dafür tragen. Haben Sie vielleicht etwas anderes erwartet?!
So, das haben wir nun von unserer Zinsgier. Wir haben doch bisher scheinbar
gedacht, wir würden die Knete von der Bank so für nichts kassieren!
In dieser Gesellschaft gibt es nichts zu verschenken, eigentlich ist es
logisch! Und da die Zinshöhe meistens über der Inflationsrate
liegt und die Geldmengen durch den Zinseszins nach einiger Zeit in astronomische
Höhen steigen, müssen wir uns eben immer mehr dafür anstrengen.
Das ist doch gerecht, oder? Wer etwas haben möchte, muss auch etwas
dafür tun, so ist das nun einmal im Leben. Das Bruttoinlandsprodukt
der Bundesrepublik Deutschland steigerte sich deshalb seit 1950 um 197,8
Prozent fast auf das Dreifache!* Aber ich verrate Ihnen noch etwas: Sie,
du und ich, müssen für die Zinsen immer mehr malochen und auch
noch für sämtliche Kosten aufkommen, aber nur weil wir Regel
Nr. 3 des Kapitalismus noch nicht verstanden haben:
Regel Nr. 3 des Kapitalismus: Fremde Arbeit macht reich
Und das geht so: Sie kennen doch sicherlich den Slogan der Banken: "Lassen
Sie Ihr Geld für sich arbeiten!" Nun, ich habe mal den Test
gemacht und einen Hunderter an mein Arbeitsgerät - den Computer -
gelegt und mich danach acht Stunden in die Sonne begeben. Danach kam ich
wieder, doch nichts war erledigt. Dann habe ich dem Geldschein ganz detailliert
meine Arbeitsaufgaben geschildert und ihn direkt an die Tastatur gelegt.
Aber auch das half nichts, meine Arbeit war einfach nicht gemacht. Auch
der Bestechungsversuch mit einem Zehner half nichts. Als ich dann nach
drei Tagen Ärger mit meinem Chef bekam und dieser mit Gehaltskürzungen
drohte, dämmerte es mir. Dieser Spruch war ja ganz anders gemeint!
Wir haben offenbar gedacht, mit unseren mickrigen Zinseinkünften
ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Nun, kurzsichtig betrachtet
sah es wirklich so aus. Aber diese paar Penunzen spielen im großen
Geschäft von Regel Nr. 1 "Aus Geld noch mehr Geld machen"
kaum eine nennenswerte Rolle. Diese lächerlichen hundert oder tausend
Euro, die wir jährlich von den Banken als Zinsen überwiesen
bekommen, dienen nämlich nur als Lockmittel - damit wir Regel Nr.
2 möglichst perfekt erfüllen und keinen Verdacht schöpfen.
Den Verdacht nämlich, dass wir alle einen Großteil unserer
Arbeitskraft und Lebenszeit für Kapitaleinkommen anderer verbrauchen!
Richtig gute Geschäfte machen nämlich die, die tatsächlich
ihr Geld für sich arbeiten lassen und selbst dafür keinen Finger
rühren müssen. Das sind nicht etwa Sie, Ihr Chef, die mittelständischen
Unternehmer oder wie man so schön sagt die "bösen Ausbeuter".
Nein, die wahren Kapitalisten unternehmen überhaupt nichts, tun nichts
und schaffen überhaupt keine Werte, geschweige denn Arbeitsplätze.
Sie verleihen nur ihr immenses Kapital, um damit ordentlich Profit zu
machen und noch mehr zu bekommen - mehr tun sie nicht. Arbeiten sollten
schon die anderen, ist doch klar. Und wenn der Profit zu gering bemessen
ist, wird das Geld woanders investiert und die Allgemeinheit schaut blöd
in die Röhre - so einfach ist das mit Regel Nr. 1. Dann wird eben
in China, Tschechien, Rumänien und wer sonst noch der Profitgier
nicht im Wege steht, investiert.
Tja, und gemeinnützige oder soziale Arbeit, damit lässt sich
doch wirklich keine Rendite erwirtschaften. Die könnte man auch gänzlich
einsparen. Nicht zu vergessen die vielen Arbeitslosen, die sind doch nun
völlig unprofitabel. Wer nichts leisten kann, fällt durch den
Rost - so ist das nun einmal im Kapitalismus. Und deshalb werden die Leute,
die Leistung erbringen, immer mehr gehetzt und die anderen verarmen. Gerechte
Verteilung der Arbeit, na so etwas? Bringt so etwas etwa mehr Profit?!
Ohne eine anständige Rendite wird in der Wirtschaft eben gar nichts
investiert, und kein Unternehmer kann etwas unternehmen und deshalb auch
keine Arbeitsplätze schaffen. Und damit die Rendite immer weiter
gesteigert werden kann, muss in der Wirtschaft immer mehr gerackert, modernisiert,
rationalisiert und standardisiert werden. Maschinen können rund um
die Uhr laufen, verlangen keine Sozialleistungen und sind deshalb viel
effektiver als Menschen. So wurden trotz oder gerade wegen der ständigen
Leistungssteigerung die Arbeitslosenzahlen seit 1960 von etwa 1,3 auf
statistisch geschönte 11 Prozent gehoben, was allerdings der Renditesucht
keinerlei Probleme bereitet. Die Kosten für Arbeitslosigkeit trägt
sowieso der Staat, also die Allgemeinheit, oder anders gesagt wir alle
- Sie kennen doch Regel Nr. 2!
Damit aber auch in Zeiten schlechter Konjunktur der Rubel rollen kann,
bietet man den richtigen Kapitalisten schon einiges: Der Staat und die
Kommunen locken mit Fördermitteln, Investitionszuschüssen, Arbeitsmarktförderprogrammen,
Bürgschaften, Sicherheiten, Steuervergünstigungen usw., damit
in irgendetwas - und sei es nur eine neue, völlig unnütze Straße,
in Rüstung, gefährliche Atomenergie oder Flussbegradigungen
- investiert wird. Ja, und damit die Förderknete auch reichlich fließen
kann, hat nun der Staat immer weiter Steuern und Abgaben bis zum Erbrechen
erhöht. Das finden Unternehmer und Arbeitnehmer auch ganz toll, denn
Sie wissen ja, wer dafür zu malochen und die Zeche zu bezahlen hat
- nämlich Sie selbst. Sie kennen doch Regel Nr. 2, oder?
Das Ganze kann nun leider nicht ewig gehen, denn die Kräfte und Ressourcen
der Allgemeinheit sind irgendwann erschöpft. Deshalb ist die soziale
Marktwirtschaft auch nur so lange wirklich sozial, wie sich die Steigerungsraten
der Wirtschaftsleistung über denen der Zinsforderungen entwickelt.
So gab es jahrzehntelang genug zu verteilen - sogar genug für Kapitalschmarotzer!
Nur leider arbeiten die Steigerungsraten im Wirtschaftswachstum und die
der Zinskurve diametral gegeneinander. Will sagen, dass eine prozentuale
Steigerung des Wirtschaftswachstums wegen des immer höheren Verbrauches
an Ressourcen und gesättigter Märkte immer schwieriger zu ermöglichen
ist, währenddessen Zinsansprüche mit der Zeit durch die Kapitalmasse
in immer größere und absurdere Dimensionen ausufern. Irgendwann
kann auch beim besten Willen die Wirtschaftskraft nicht mit der expotentiellen*
Vermehrung der Zinsansprüche durch den Zinseszins mithalten.

Deshalb wird der zu verteilende Gesamtkuchen mit der Zeit immer kleiner,
werden Sozialleistungen, Rechte, Löhne und Vermögen der arbeitenden
Menschen immer mehr gekappt. Nur nutzt dies alles nichts, denn exponentiale
Zinsforderungen stehen zwar auf dem Papier, können aber in der Realität
niemals erfüllt werden. So wird das Geld - real gesehen - mit den
Jahren zunehmend wertloser. Damit nun unsere lieben Kapitalisten schlussendlich
nicht auch noch dumm in die Röhre gucken müssen, gibt es aber
noch Regel Nr. 4 des Kapitalismus:
Regel Nr. 4 des Kapitalismus: Irgendwann ist Schluss mit Geldvermehrung
und "alle" beginnen wieder bei null
Tja, wenn's am schönsten ist, soll man aufhören, so sagt man
doch. Aber ganz ehrlich, wenn es nach den Kapitalisten ginge, würde
das Geldscheffeln natürlich niemals enden, das ist doch klar. Deshalb
wird auch das Kapitalvermehrungssystem mit allen erdenklichen Mitteln
am Leben erhalten. Das System ist auch nicht am Ende, weil jemand, ohne
zu arbeiten, irgendwann genügend Penunzen gemacht hätte. Nein,
ganz im Gegenteil. Das System hat nach einiger Zeit erst den Endpunkt
erreicht, weil die Leute, die die Zinsen erwirtschaften müssen, irgendwann
nicht mehr können. Haben Sie nicht auch das Gefühl, dass es
auf der Arbeit immer schlimmer, stressiger und anstrengender wird? Sagen
Sie sich nicht immer öfter: "Ich kann nicht mehr!" Na sehen
Sie.
Die ganze Geldscheffelei hat nämlich eine Schattenseite. Die Guthaben
des einen sind auch immer die Schulden eines anderen - sonst geht die
Rechnung nicht auf. Aus diesem Grunde müssen die Schulden in der
Summe immer parallel zu den Guthaben steigen. Und so ist es auch. Da haben
sich Staat und Kommunen verschuldet, aber auch die meisten Unternehmen
und zu guter Letzt natürlich auch Sie, oder? Das sollten Sie schon
allein deshalb tun, damit Sie Regel Nr. 3 möglichst gut erfüllen
können. Schauen Sie sich um in der Welt, alles versinkt in Schulden!
Na sehen Sie. Und alle rackern wie blöde! Na so etwas!
Nun kann ich mir Billiardäre oder Trillionäre, die Millionen
Euros tagtäglich an Zinsen kassieren, ganz gut vorstellen. Eine Volksgemeinschaft
mit derartigen Schulden ist dann aber wirklich bankrott. Spätestens
wenn die Einnahmen die Zinsraten übersteigen, ist Schluss mit lustig,
dann ist endgültig das Ende der Fahnenstange erreicht. Doch bis dahin
ist es noch ein weiter Weg, und was hätten Billiardäre oder
Trillionäre von ihrem Geld, wenn dieses wertlos wäre? Infolgedessen
ist für Sie und mich, also für die Allgemeinheit, irgendwann
Schluss, aber nicht für alle.
Wenn jemand einen größeren Kredit aufnimmt und sich verschuldet,
muss er dafür als Pfand meistens eine Sicherheit bieten, sonst bekommt
er die Knete nicht. Und diese Sicherheit besteht meistens aus Sachwerten.
Das können Grundstücke, Häuser, Firmeneigentum, Antiquitäten,
wertvolle Kunstgüter, Gold und Silber, Schmuckstücke etc. sein.
Sie wissen ja sicherlich von Ihren Großeltern, welche Werte bisher
über Jahrhunderte hinaus Krisen und Kriege überstanden haben.
War es etwa Geld? Versuchen Sie mal mit eintausend Reichsmark einkaufen
zu gehen, dann wissen Sie, was ich meine. Genau, und das wissen richtige
Kapitalisten auch sehr gut. Wenn Sie, du und ich, also die Allgemeinheit,
ordentlich verschuldet sind, wird erst richtig Kasse gemacht und kräftig
umgeschichtet.
Und das geht so: "Sparen, sparen und nochmals sparen!" - kommt
Ihnen das bekannt vor? Sie können dieses Wort sicherlich nicht mehr
hören, aber es macht Sinn. Da sich der Staat für die Renditesucht
der Kapitalisten mittlerweile total überschuldet hat und auch Steuererhöhungen
keine günstigen Effekte mehr bringen, wird nun in die entgegengesetzte
Richtung gerudert. Wo vorher noch mit vollen Händen ausgegeben wurde,
soll "plötzlich" an allen Ecken und Enden gespart werden.
Und weil alle dabei so wunderschön mitmachen, sparen auch die Konsumenten
an Ausgaben, wodurch die Unternehmen Einnahmeverluste zu beklagen haben,
die sie mit Entlassungen begegnen, um Lohnkosten zu senken, weswegen die
Verbraucher wiederum weniger einnehmen und ihre Ausgaben reduzieren, wodurch
die Unternehmen Einnahmeverluste zu beklagen haben usw. Dass damit die
Konjunktur gänzlich abgewürgt wird, die Arbeitslosigkeit in
die Höhe schnellt und der Staat immer mehr Steuerausfälle zu
verzeichnen hat, ist bestens eingeplant. Die ganze Sache hat nämlich
für richtige Kapitalisten einen überaus günstigen Effekt:
In der Not verkaufen alle, was nur irgendwie geht, und zwar zu Spottpreisen!
So kann man richtig günstig einkaufen gehen und sich in Ruhe die
besten Stücke aussuchen. Sie wissen ja: Grundstücke, Häuser,
Firmeneigentum, Antiquitäten, wertvolle Kunstgüter, Gold und
Silber, Schmuckstücke etc. Ja und sogar Staatseigentum - also Eigentum,
das die Allgemeinheit einmal mit ihren Steuergeldern finanziert hat -
wird für 'nen Appel und 'n Ei verkloppt, oder anders gesagt "privatisiert".
Sie sehen schon, zu guter Letzt gilt auch hier Regel Nr. 2!
Das ist leider noch nicht alles, denn das dicke Ende kommt erst noch.
So richtig bei null kann man erst wieder beginnen, wenn alles, aber auch
alles am Boden liegt. Und da die wilde Sparerei den Bürgern die letzten
Cent aus den Hemden saugt und die Not durch Massenarbeitslosigkeit immer
mehr um sich greift, herrschen in der Gesellschaft immer mehr Frust, Kriminalität
und Aggressionen. Das liegt daran, dass die meisten Menschen gar nicht
um die Ursachen der Krise wissen und sich gegenseitig die Schuld in die
Schuhe schieben. Da kämpfen Unternehmer gegen Angestellte, diese
gegen Arbeitslose, Familien gegen Kinderlose, Rentner gegen junge Menschen,
Inländer gegen Ausländer, Linke gegen Rechte, Ossis gegen Wessis
usw. Und weil die Schwächsten gegen die da "oben" kaum
etwas ausrichten können, suchen sie sich noch Schwächere, um
dort ihren Frust abzulassen. Das kann sich so weit steigern, bis sämtliche
Werte in einem Krieg eingeebnet werden und man wieder wirklich bei null
beginnen kann - wie es die Geschichte häufig gezeigt hat.
Unsere Kapitalisten wird es freuen, denn so können sie mit der Rüstungsindustrie
noch richtig fette Kasse machen. Dabei werden sämtliche Kriegsparteien
mit den schönsten Investitionen beglückt - da sind sie nicht
so wählerisch. Von einer weit entfernten Insel aus wird dann beim
Gläschen Sekt gewettet, welche Partei denn nun den Krieg gewinnt
- oh, wie interessant. Und wenn es an den Wiederaufbau geht, dann setzt
es einen Währungsschnitt und alle bekommen prompt Kredit - so ist
das nun einmal im Kapitalismus!
Bevor Sie
vielleicht in einschlägigen Zeitschriften, Büchern und Publikationen
blättern, nach intellektuellen Rettungsringen von anerkannten Wirtschaftsexperten
greifen oder einen alten Schulfreund - der Volkswirtschaftslehre studiert
hat - anrufen, um bestätigt zu bekommen, dass das Wirtschaftswachstum
schon bald wieder einsetzen und der Aufschwung kommen wird, sollten Sie
erst einmal innehalten und den gesunden Menschenverstand gebrauchen. Es
könnte nämlich sein, dass derjenige, den Sie um Rat bitten,
mit einer bisher in der Medizin noch nicht diagnostizierten übertragbaren
Erkrankung infiziert ist. Bei dieser Erkrankung kommt es zu einem unerklärlichen
Ausfall des logischen Denkens, speziell bei einfachen mathematischen Grundrechenarten
wie der Prozentrechnung. Deshalb könnten die Ausführungen des
anderen für Sie irreführend sein. Bevor Sie sich möglicherweise
durch einen Kontakt selbst anstecken, möchte ich die Symptome näher
beschreiben. So können Sie erkennen, ob Sie eventuell bereits infiziert
sind. Ich nenne diese Erkrankung zur Verdeutlichung und der genauen Diagnose
nach seinen typischen Symptomen: "Der Wachstumswahn."
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Copyright:
2006 Detlef Ouart, Verbreitung mit Quellenangabe erwünscht!
Der
Wachstumswahn - eine Geisteskrankheit
Von dieser leicht übertragbaren geistigen Erkrankung sind Personen
beiderlei Geschlechts, sämtlicher Altersgruppen und aller Gesellschaftsschichten
betroffen. Es können jedoch je nach Bildungsgrad und gesellschaftlicher
Position leicht differierende Symptome auftreten. Allen Personen gemeinsam
ist, dass sie von der eigenen Erkrankung nichts bemerken, also sich in
allgemeiner geistiger Gesundheit wähnen und sich auch im täglichen
Leben weder lebensuntüchtig noch sozial auffällig verhalten.
Das Gefährliche an dieser Erkrankung besteht also darin, dass die
betroffenen Personen ganz normal am sozialen Leben teilnehmen und davon
nichts bemerken können. So ist eine Selbstdiagnose weitestgehend
ausgeschlossen. Symptome zeigen sich vor allem, wenn sich die Person verbal
mitteilt und artikuliert. Es besteht eine einzigartige Vorliebe für
Zahlen und Prozentrechnung und dabei vor allem für überdimensionierte
exponentiale Steigerungsraten, wobei - und das macht eben die Besonderheit
aus - diese Zuwächse nur im begrenzten Rahmen nachvollzogen werden.
Abstrakte theoretische Annahmen werden auf die reale Welt übertragen,
wobei man jedoch signifikante Abweichungen davon vollständig ignoriert.
Der Patient ist dermaßen von seiner Annahme überzeugt, sodass
ihm selbst schwerwiegende Beweismittel und sogar folgenschwere negative
Konsequenzen in der realen Welt nicht von seiner falschen Annahme abbringen
können. Diese Erkrankung kann also wahnhafte bis fanatische Züge
annehmen.
Konkret gesagt glauben die Erkrankten fanatisch an eine Erlösung
der Gesellschaft durch permanentes unendliches und ewig dauerndes Wachstum
bei der Produktion von Gütern und der Bereitstellung von Dienstleistungen.
Sie propagieren ständiges Wirtschaftswachstum. Und weil dieses mit
sehr viel Arbeit und Anstrengungen verbunden ist, kann man durchaus auch
eine arbeitssüchtige bis -wütende Komponente in die Diagnose
einbeziehen. Allerdings neigen viele Erkrankte dazu, die nötigen
Leistungssteigerungen von anderen Menschen einzufordern, als diese selbst
zu erbringen - was wohl auch Raffsucht und Besitzgier in die Diagnose
einschließt. Erschwerend kommt hinzu, dass bei den stetigen Forderungen
nach Leistungssteigerung sogar die gesamte Menschheit, insbesondere die
gesamte Arbeiter- und Unternehmerschaft einbezogen wird. Das macht den
beschriebenen Wahncharakter dieser Erkrankung besonders deutlich. Es wird
infolgedessen immer und immer wieder unaufhörliches Wirtschaftswachstum
verlangt, wobei diese Forderungen von den Erkrankten in beständigen
Mantras gebetsmühlenartig wiederholt werden. "Wir brauchen Wirtschaftswachstum,
Amen!" "Wachstum, Amen!" "Wachstum und Beschäftigung,
Amen!" Und oftmals werden Forderungen sogar konkretisiert, indem
Steigerungsraten des geforderten Wachstums in die Gebete miteinbezogen
werden, wie z. B. "drei Prozent Wachstum für mehr Arbeitsplätze
und Beschäftigung, Amen!"
Es werden also beispielsweise für das laufende Jahr drei Prozent
mehr produzierte Automobile als ein Jahr zuvor verlangt. Das ist kurzfristig
aufgrund moderner Produktionsanlagen und hoher Kapazitäten durchaus
möglich. Jedoch sind die Erkrankten offensichtlich besonders habgierig
und daher mit den tatsächlich erreichten Steigerungsraten nie zufrieden
zu stellen. Hartnäckig werden Jahr für Jahr weitere drei Prozent
Steigerung, also immer mehr und noch mehr Automobile gefordert. Und so
zeigt sich die Verkürzung im Denken im oben beschriebenen Wiederwillen,
Gedankengänge konsequent zu Ende zu führen, und die Schwierigkeiten,
theoretische Annahmen auf die Praxis des Lebens zu übertragen. Die
Forderung nach jährlichen drei Prozent Steigerung in der Automobilproduktion
hätte nämlich langfristig gesehen dramatische Folgen: In 25
Jahren würden bereits doppelt so viele Autos herumfahren, wie derzeitig
produziert werden, in 38 Jahren die dreifache und in 48 Jahren bereits
die vierfache Menge. Und in etwa 80 Jahren, also innerhalb eines Menschenlebens,
hätte sich die Produktion bereits verzehnfacht. Aber es wird noch
dramatischer, denn nach 157 Jahren, also nur in zwei Menschenleben, hätte
sich die Produktion (aufgrund der exponentialfunktion) bereits verhundertfacht!
Sie kennen sich doch sicherlich mit Prozentrechnung aus, oder?
Derartig viele Automobile hätten natürlich Auswirkungen auf
andere Bereiche. So müsste man dementsprechend viele Straßen
und Autobahnen zum Befahren bauen. Autos benötigen Platz und man
müsste alle Städte flächendeckend mit Tiefgaragen untertunneln,
und selbst wenn man das Rohstoff- und Energieproblem lösen würde,
ergäbe sich noch eine ganz andere Frage: Wer soll diese vielen Autos
überhaupt fahren? Das ist bei rückgängigen Geburtenraten
ein kaum lösbares Problem. Und so stößt man bei weiteren
Überlegungen fast automatisch auf eine noch viel bedeutendere Frage,
der unsere Wachstumswahnerkrankten besonders störrisch ausweichen.
Es ist die Frage nach dem Bedarf!!! Interessanterweise wird eine Mehrproduktion
nie mit faktisch fehlenden Automobilen begründet! Wie denn auch,
denn die Autohäuser und Straßen stehen ja voll davon. Trotzdem
wird zunehmend mehr verlangt. Und um der Sache noch die Krönung aufzusetzen,
dürfen Sie nicht vergessen, dass unsere Wachstumswahnerkrankten ihre
Forderungen von drei Prozent Wachstum - zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit,
wie sie behaupten - auf alle Wirtschaftszweige beziehen. Das bedeutet,
auch die Produktion und der Verbrauch von Lebensmitteln, Büchern,
Fernsehapparaten, Gartengeräten, Computern, Staubsaugern, Waschmaschinen,
Fahrrädern etc. sollte sich ebenfalls in einem Menschenleben verzehnfachen.
Und da stellt sich auch schon die Frage der Zeit, in der das alles gebraucht,
verbraucht, benutzt, gehegt und gepflegt werden sollte, denn man kann
schlecht gleichzeitig ein Buch lesen, ein Fußballspiel im Fernsehen
ansehen, am Computer sitzen, im Garten arbeiten, Auto fahren, Fahrrad
fahren, den Hometrainer benutzen, eine Massage bekommen, Flugzeug fliegen,
die Wohnung säubern usw.

Wenn man
tagtäglich irgendetwas nur eine Stunde lang verrichten würde,
müsste man dafür in achtzig Jahren zehn Stunden täglich
einplanen. Da aber der Tag leider nur 24 Stunden hat - eine Tatsche, die
unseren Erkrankten schwer zu schaffen macht -, müsste man die gleiche
Menge in einem Zehntel der Zeit, also in nur sechs Minuten, bewältigen.
Allein beim Verbrauch von Lebens- und Genussmitteln dürften ernstzunehmende
Probleme für die Volksgesundheit entstehen!
Doch solche Rechnungen meiden unsere Erkrankten wie die Pest, denn - wie
gesagt - betrachten sie theoretische Zahlenspiele beharrlich nur in einem
sehr begrenzten Zeitraum. Und außerdem werden - wie oben beschrieben
- negative Symptome aus der realen Welt entsprechend der eigenen Wahnvorstellung
uminterpretiert. Allein die Tatsche, dass ständige Leistungssteigerungen
und eine Begrenztheit des Verbrauches logischerweise zu weniger Arbeit
führen müssen, wird hartnäckig ignoriert! Stattdessen wird
immer wieder das Mantra "Wachstum für Arbeit und Beschäftigung,
Amen!" propagiert. Ja, stellen Sie sich einmal vor, es wird sogar
noch viel mehr Wachstum als Problemlösung gefordert! Das ist typisch
für verwirrte Experten, die von einer unwirksamen Medizin lieber
höhere Dosen fordern, als sich auch nur einen einzigen Fehler einzugestehen.
In der Folge steigt die Arbeitslosigkeit - eine andere Form von Arbeitszeitverkürzung
- immer weiter an. Doch nun kommt etwas für Wahnerkrankungen ganz
Typisches: Anstatt die eigenen unrealistischen Vorstellungen zu hinterfragen,
das Denken zu erweitern, Ursache und Wirkung zu eruieren, den eigenen
Standpunkt zu korrigieren, sich Fehler einzugestehen und das Ruder zu
wenden, entwickelt der Wahnkranke Feindbilder. Nun wird alles zum Feind
erklärt, das seinen Wachstumsvorstellungen nicht entspricht. Interessant
dabei ist, dass der Erkrankte gerade die Opfer seines Handelns - nämlich
die von Arbeit freigesetzten Menschen - besonders ins Visier nimmt. Diese
würden sich nur noch in der sozialen Hängematte sonnen, müssten
wieder zur Leistung animiert werden und überhaupt bekämen diese
eine viel zu hohe Entschädigung - auch Arbeitslosengeld genannt -
für ihr betrübtes Dasein. Aber auch die Menschen, die seinen
Forderungen wenigstens teilweise nachkommen, also das Wachstum immerhin
ermöglichen, verlangen viel zu viele Entschädigungen - auch
Lohn genannt - für die mannigfaltigen Entbehrungen und den Stress
auf der Arbeitsstelle. Dagegen werden die eigenen überaus hohen Entschädigungszahlungen
- verschleiernd Diäten genannt - mit Hinweis auf die eigene Richtigkeit
und Wichtigkeit immer weiter erhöht. Das ist wirklich eine schreckliche
Erkrankung, finden Sie nicht?
Nun könnte man annehmen, dass die Mehrheit der Menschen irgendwann
die Schnauze gestrichen voll haben müsste und seine offensichtlich
verrückten Peiniger über den Jordan schicken würde. Doch
weit gefehlt! Wie oben beschrieben ist diese Krankheit hoch ansteckend,
wird der Virus außerdem tagtäglich über die Massenmedien
in alle Wohnstuben weiter verbreitet. So haben auch viele ottonormale
Mitmenschen Probleme, Gedankengänge konsequent zu Ende zu führen,
und Schwierigkeiten, die theoretischen Annahmen der führenden Wahnerkrankten
auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Dabei besitzen sie doch
immerhin genügend Praxiserfahrung, um zu erkennen, dass weitere Leistungssteigerungen
auf der Arbeit kaum mehr möglich und auch überhaupt nicht notwendig
sind. Sie brauchen nur in die Supermärkte zu gehen und könnten
sich fragen, für was denn dieses Wachstum weiterhin gut sein sollte.
Wie viele Regalreihen à 20 Meter Klopapier, Aftershave, Waschmittel,
Joghurts, Käse, Nahrungsergänzungsmittel, Katzen- und Hundefutter,
Brot, Gebäck, Wurst, Salate, Öle, Tee und Kaffee, Spirituosen,
Limonaden, Mineralwasser, Fernsehgeräte, Stereoanlagen, Computer,
Bohrmaschinen, Tapeten, Lampen etc. sollen denn noch dazukommen? Doch
jahrzehntelanges Gehorchen und unzählige Mantras wie "Wachstum
für Arbeit und Beschäftigung!" verhallen nicht spurlos
und lassen den kritischen Geist verkümmern. Stattdessen lässt
man sich für den Mammon "Wirtschaftswachstum" versklaven.
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2006 Detlef Ouart, Verbreitung mit Quellenangabe erwünscht!
Arbeit als
Beschäftigungstherapie
Das in unserer Gesellschaft propagierte Arbeitsideal erzeugt vielerlei
krankhafte Symptome wie eine suchtartige Entgleisung der Arbeit. Und das
erfreut natürlich unsere bereits workaholisierten Arbeitsstiere,
denn so geht die Arbeit praktisch niemals aus, muss es immer wieder etwas
Neues herzustellen, zu werkeln und zu bauen und auch wegzuschmeißen,
abzureißen und einzustampfen geben.
Sie kennen sicherlich diese neurotischen, ewig ruhelosen, überfleißigen
und chronisch unzufriedenen Zeitgenossen, die einen Großteil ihrer
Lebenszeit für schnöde Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen vergeuden.
Diese ständig die Ruhe störenden Wichtigtuer tun immer so, als
hänge das Überleben der Menschheit von der exakten Formulierung
eines einzigen Satzes, der siebten Stelle hinterm Komma einer gefälschten
Statistik oder der sekundengenauen Auslieferung eines Staubfängers
ab. Statt so genau wie nötig zu arbeiten, versucht man alles so genau
wie möglich zu erledigen. Man muss unbedingt sämtliche und auch
die unwahrscheinlichsten Eventualitäten in seine Überlegungen
einbeziehen und verstrickt sich dadurch in vielen unwesentlichen Details,
die allesamt gleich wichtig erscheinen. Und so werden klitzekleine ganz
normale Fehler, die man logischerweise - koste es Arbeitszeit, was es
wolle - ausmerzen muss, umso zahlreicher. Da kann man den Wald vor lauter
Bäumen nicht mehr sehen, was einen immensen Arbeitsaufwand erzeugt.
Ich habe mich früher oft bluffen lassen, aber irgendwann erkannt,
dass es dieser Spezies - obwohl sie ständig das Gegenteil behauptet
- mehr um den Aufwand und weniger ums Ergebnis der eigenen Anstrengung
geht. Letztendlich ist es fast egal, was nach unendlich vielen Überstunden
dabei herauskommt. Bevorzugt sollte es sogar etwas sein, das sehr viel
Arbeit macht, dessen Ergebnisse aber niemand wirklich braucht. Und ist
man tatsächlich einmal mit einer Sache fertig geworden, sucht und
findet man schnell etwas anderes, was nach dem gleichen aufwendigen Muster
abgearbeitet wird. Stolz werden volle Terminkalender und erbrachte Überstunden
wie eine Auszeichnung präsentiert, erzählt man gerne, dass man
heute wieder als Letzter das Büro verlassen hat. Wie man dagegen
Arbeit einsparen könnte, kommt keinem in den Sinn! Die verbrachte
Arbeitszeit, besser gesagt die damit verschwendete Lebenszeit, ist also
wichtiger als das Ergebnis! Ja, wer wird denn gleich so kleinlich sein?
Nein, der Weg ist doch das Ziel! Und dieser Weg sollte natürlich
möglichst steinig, anstrengend und mühsam sein! Und damit dieser
auch besonders lang wird, beschäftigt man sich eben perfektionistisch
ständig mit unwesentlichen Details, wie ungestellten Fragen, überflüssigen
Antworten, unrealistischen Möglichkeiten, wirkungslosen Planungen,
versandenden Strategien, nebulösen Zielen, bombastischen Luftschlössern
und vor allem mit vielen überflüssigen Aufgaben und Produkten,
die natürlich ganz wichtig sind. Dass die Wirtschaft immer wachsen
sollte, könnte glatt eine Erfindung dieser Spezies sein. Was will
man auch mehr als eine moralische und sogar wissenschaftliche Segnung
seiner eigenen Erkrankung!
Aber auch herzliches Mitgefühl sei unseren eisernen Kämpfern
an der Wachstumsfront gespendet. Sachkompetenz wird oftmals aufgrund mangelnder
Sozialkompetenz besonders hoch gehalten. Anders gesagt gibt es ja für
unsere einsamen Süchtigen kaum einen Grund, die heiligen Arbeitsstätten
überhaupt zu verlassen und sich zu Hause Schönerem zuzuwenden.
Wenn das Privatleben eh nur unbefriedigend ist, weil bestenfalls der Fernseher
aufs Einschalten wartet oder man in der Familie nichts zu melden hat,
da kann man gleich die ganze Nacht durchschuften und ordentlich Karriere
machen. Ja, mit dieser Erkrankung besitzt man sogar eine hervorragende
Eigenschaft, um in der Hierarchie aufzusteigen und ordentlich Karriere
zu machen. So kann man kraft des Amtes die untergebenen, aber noch gesunden
Zeitgenossen ordentlich quälen!
Wenn das Selbstbewusstsein von der Fülle an Arbeit abhängt,
Müßiggang und Faulenzerei mit Gewissensbissen belastet sind,
werden fleißige Workaholics natürlich niemals fertig mit der
Arbeit. Besonders süchtige Arbeitstiere genügt die Rackerei
auf der Arbeitsstelle längst nicht und so führt man die gleiche
Schmierenkomödie im Privatleben vorzugsweise an Wochenenden fort.
Beliebte Stückchen sind "unser Kleingarten" oder/und "das
traute Heim". Gärten und Häuser entarten über Jahre
und Jahrzehnte zu Großbaustellen, und immer wenn tatsächlich
ein Großprojekt beendet zu sein scheint, gibt es an einer anderen
Ecke garantiert etwas Neues zu verbessern und zu verändern. Um den
Arbeitsaufwand ins Unermessliche zu steigern, versucht man genau dort,
akribische Ordnung und sterile Sauberkeit zu schaffen, wo diese am schwierigsten
zu verwirklichen ist - in der Natur. Gott sei Dank gibt es ja unzählige
Lebewesen, die immer wieder Chaos und Unordnung verursachen und damit
neue Arbeit praktisch aus dem Nichts erschaffen. So etwas nennt man Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen!
Bis auf die autoritär vorgeschriebenen familiären Essenseinnahmezeiten
wird jede kostbare Minute arbeitsam durchgeplant. Es könnte doch
sein, ein Nachbar oder Verwandter entdeckt ein Unkräutlein, einen
Busch oder Grashalm, der nicht beschnitten und genau nach Norden ausgerichtet
wurde. Oder man wird glatt beim Pennen im Liegestuhl erwischt
Zaunübergreifend
überwacht man sich gegenseitig bei der Einhaltung der Arbeitsideologie.
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2006 Detlef Ouart, Verbreitung mit Quellenangabe erwünscht!
Man muss
ja heutzutage froh darüber sein, überhaupt eine Arbeit zu haben
Gebetsmühlenartig wird den Arbeitslosen über die Medien eingetrichtert,
dass man heutzutage jede sich bietende Arbeitsstelle annehmen müsse.
Wenn Sie sich in finanziellen Nöten befinden, werden Sie es ohnehin
tun. Und damit möglichst viele Menschen zum Sklavendienst gezwungen
werden, kürzt man die Sozialleistungen immer mehr. Dennoch ist es
sicherlich möglich, die finanzielle Ausgabenseite so zu verändern,
dass Sie nicht mehr so stark unter Druck gesetzt werden können. Wer
weniger Verpflichtungen hat, muss auch weniger darüber nachdenken
und lebt entspannter. Vergessen Sie eine berufliche Karriere und das Leistungsideal,
denn davon haben Sie persönlich am wenigsten. Sie könnten stattdessen
versuchen, auf allen möglichen überflüssigen Konsumschrott
und Prestigegüter zu verzichten. Vieles ist unnötig, wie beispielsweise
viele Abbos und die meisten Versicherungen. Vielleicht könnten Sie
sogar gänzlich aufs Auto verzichten, denn das stellt - allein wegen
des stetig steigenden Ölpreises - einen sehr hohen Kostenfaktor dar.
Vielleicht ängstigt Sie ein Fulltimejob mit weiten Anfahrtswegen
und langen Arbeitszeiten, sodass Sie überfordert wären und gar
nicht mehr zum Leben kommen würden. Auch möchten Sie nicht für
jeden ach so niedrigen Lohn Ihre Lebenszeit verschwenden. Das könnten
Hinderungsgründe sein, warum Sie so manchem scheinbar "guten"
Angebot ausweichen. Sie können ja niemanden erzählen, dass Sie
diese oder jene Stelle nicht annehmen möchten, weil Ihnen z. B. die
Anfahrtswege zu weit sind, Sie dazu mitten in der Nacht aufstehen müssten
und außerdem der Lohn zu niedrig ist. Für Menschen, die sich
mit dem Arbeitsideal identifizieren, sieht es dann so aus, als ob Sie
gar nicht arbeiten wollen. In Wirklichkeit möchten die meisten Menschen
etwas tun, nur sollte es nicht so weit gehen, dass Sie sich dabei die
Gesundheit im Megastress Tag für Tag und Woche für Woche ruinieren.
Im Grunde ist die Sache doch ganz klar. Machen Sie einfach das, was Sie
möchten und Ihrem seelischen Befinden gut tut. Sie können Ihr
Leben so gestalten, wie Sie es für richtig halten. Sie sind doch
erwachsen und daher keinem anderen fremden Menschen Rechenschaft schuldig.
Es ist Ihr Leben! Lassen Sie sich nicht bevormunden! Menschen, die fordern,
jeden auch nur möglichen Job anzunehmen, fördern etwas, was
sie selbst nie tun würden, und wissen nicht einmal im Ansatz, wovon
sie reden. Die Aussage "Arbeit um jeden Preis" ist purer Opportunismus
und hat lediglich den Zweck, das System am Leben zu erhalten. Dabei ist
es egal, was die betreffenden Menschen durchleiden, solange dieses System
nur weiterhin funktioniert.
Bei "Arbeit um jeden Preis" handelt es sich wie bei "Kämpfen
für den Sieg" um propagierte Durchhalteparolen, diese ausgegeben
werden, um noch mehr Geld zu den entsprechenden Stellen fließen
zu lassen. Ja, wenn man denn wirklich jede gebotene Arbeit annehmen müsste
und dabei keinerlei eigene Ansprüche stellen darf, was ist dies anderes
als Zwangsarbeit bzw. Sklaventum?! Es ist bloße Diktatur und Tyrannei
und hat mit Demokratie nichts zu tun! Die Arbeitswelt verkommt durch das
Geldsystem immer mehr zu einer Zwangskultur! Lassen Sie sich also nichts
einreden und handeln Sie so, wie Sie es für richtig erachten. Ihr
Leben ist für Sie das Kostbarste, nicht zuletzt weil Sie nur ein
Leben haben. Handeln Sie einfach so, dass Sie glücklich damit sind.
Hören Sie nicht auf die Parolen der Politiker und Menschen, die diese
gedankenlos wiederholen. Diese Menschen sind selbst unglücklich und
hassen Ihre Arbeit! Ein Mensch, der seine Arbeit liebt, würde niemals
so reden und handeln. Nur wer selbst gezwungen wird, will auch andere
zwingen! Aber wem kann man denn bei unserem derzeitigen katastrophalen
Arbeitsmarkt noch verübeln, sich zu drücken oder wenigstens
eine ruhige Ecke zu suchen? Es ist doch eine gesunde Reaktion! Wer so
richtig im leistungsfetischistischen Fulltimejob drinsteckt, der kann
nur noch Befriedigung erleben, wenn er auch hin und wieder erleben darf,
wie andere mit der Peitsche getrieben und gequält werden. Und wer
weiß, vielleicht findet man recht bald wieder Freude an Arbeitslagern.
Der Kapitalismus beinhaltet - konsequent zu Ende gedacht - Arbeitslager
als Endkonsequenz! Mehr zu diesen Tendenzen an anderer Stelle.
>
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"Es
gibt kaum ein Wort heutzutage, mit dem mehr Missbrauch getrieben wird
als mit dem Wort frei'. Ich traue dem Wort nicht, aus dem Grunde,
weil keiner die Freiheit für alle will: jeder will sie für sich."
(Otto von Bismarck, preuß.-dt. Staatsmann)
Copyright:
2006 Detlef Ouart, Verbreitung mit Quellenangabe erwünscht!
Die schöne neue Freiheit
"Arbeit braucht Wachstum und Wachstum braucht Freiheit!", gibt
unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel gerne in der Öffentlichkeit
als Weisheit bekannt. Dabei geht es um die grenzenlose Freiheit für
das Kapital, das die arbeitenden Menschen in einer unfreien Arbeitswelt
zu vermehren haben.
Der Begriff liberal kommt aus dem Lateinischen und bedeutet freidenkend,
freiheitlich gesinnt, vorurteilslos. Der Liberalismus versteht sich als
freiheitliche und freisinnige Welt-, Staats- und Wirtschaftsanschauung.
Beim Neoliberalismus handelt es sich um eine wirtschaftspolitische Ausrichtung
des Liberalismus mit freier Wettbewerbsordnung möglichst ohne staatliche
oder sonstige einschränkende Eingriffe. Was sich auf den ersten Blick
recht positiv, offen, liberal, tolerant und freiheitlich darstellt, bedeutet
jedoch nichts anders, als alle gesellschaftlichen Bereiche von kühlen,
rationalen, rein mathematischen und wirtschaftlichen Aspekten dominieren
zu lassen. Selbst in einer gesunden Wirtschaftsordnung gäbe es immer
Bereiche - wie soziale oder Bereiche des Gemeinwohles, etwa den Umweltschutz
-, die nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten als unrentabel eingestuft
werden müssen. Umso schärfer trifft ein ungeregelter Markt in
einer kranken Wirtschaftsordnung. Es kann kein freier Markt existieren,
wenn ein Marktteilnehmer (die Kapitaleinkommensgruppe) die Bedingungen
für alle anderen Marktteilnehmer diktieren kann und sich daher frei
am Stand bedienen darf. Das Geldmonopol unterbindet jede Freiheit! So
bleibt für die Mehrheit nicht einmal genug zum Überleben. Marktwirtschaft
ist eben nicht gleichsam Kapitalismus! Doch anstatt bei wachsenden sozialen
Spannungen Bedenken aufkommen zu lassen, verweist man auf die herrschende
wissenschaftliche Ökonomie.
Wer im rationalen Zahlengefecht der Wirtschaftsdaten gefangen ist, kann
sich nur wenig emotionale Spielräume erlauben. So kämpft man
als Wirtschaftsprüfer, Buchhalter, Finanzexperte, als Broker, Analyst,
Portfoliomanager oder Steuerberater kühl und sachlich um eine makellose
Zahlenbilanz. Aber auch als selbstständiger Unternehmer, als Boss
eines Großunternehmens oder Manager eines weltweit agierenden Konzerns
müssen Sie spätestens am abgelaufenen Geschäftsjahr oder
der Jahreshauptversammlung den Gläubigern und Aktionären bestätigen,
dass Sie eine makellose Trefferquote vorweisen können. Bedauerliche
Kollateralschäden, wie gemobbte, erkrankte oder freigesetzte Mitarbeiter,
Naturkatastrophen, BSE, Umweltschäden oder gar Menschenopfer, finden
beim modernen Shareholder-Value keinerlei Beachtung. Diese erscheinen
in keinem Bericht. Entscheidend ist die Bilanz, die genaue Zahl mit zwei
Stellen hinterm Komma. Wer als Unternehmer etwas Menschlichkeit und Anteilnahme
am Mitmenschen erhalten kann, sieht sich daher im Zuge der "Sachzwänge"
beim immer mehr eskalierenden Kampf um schwindende Marktanteile früher
oder später ins Hintertreffen geraten. Wer Bedenken hat, wird von
der Marktmaschinerie gnadenlos überrollt. In diesem System kann langfristig
gesehen nur der "intelligenteste", abgestumpfteste, skrupel-
und gewissenloseste Rechenautomat gewinnen. Aus diesem Grunde sind geistesarme
"Machertypen", gewissenlose "Manager" und rücksichtslose
Antreiber in unserer Gesellschaft besonders "erfolgreich". Jeder
normaldenkende Mensch würde dagegen ins Grübeln geraten, Gewissensbisse
und schlaflose Nächte bekommen. Wer unter diesen Bedingungen mehr
Markt fordert, muss große Scheuklappen aufweisen und wissen, dass
er damit viele Menschen ins Elend und in noch Schlimmeres treibt. Gewalt
ist scheinbar wieder voll im Trend.
Sozial gleich asozial (Hartz IV ist erst der Anfang)
Früher zeigten Politiker sämtlicher Parteien ganz stolz auf
die Errungenschaften der sozialen Marktwirtschaft, auch wenn sie sich
mit fremden Federn schmückten, denn die Leistungen dafür erbrachten
die arbeitenden Menschen und nicht die Politiker. Das hohe Wirtschaftswachstum
- und weniger die Systemkonkurrenz zum sozialistischen Lager - machte
eine gute soziale Absicherung möglich. Doch nun, da die immensen
Kapitaleinkünfte immer größere Stücke des erbrachten
Kuchens verschlingen, muss man den einstigen Stolz ganz liberal als Makel
umformulieren. Kapitaleinkünfte haben ja vor allem Vorfahrt, gerade
vor Sozialeinkünften.
Anders gesagt
sollen Sozialeinkünfte in Renditen verwandelt werden, denn die Löhne
der Arbeitenden erhöhen sich deshalb nicht. Dabei werden die Wunschträume
aller Unternehmer geschickt aufgegriffen, sie wären befreit von jeglicher
Art der Steuer und könnten zusätzlich auch noch die Löhne
erheblich mindern. So verweist man ständig auf die angeblich zu hohen
Arbeitskosten in Deutschland. Wie können aber die Arbeitskosten zu
hoch sein, wenn die Exportraten weltmeisterliche Ergebnisse erbringen?
Wenn Sie immer mehr Produkte aus dem heimischen Garten ins Ausland exportieren
würden, sind dann etwa Ihre Kosten für die Herstellung dieser
Produkte zu hoch? Die Arbeitskosten sind also nicht zu hoch, sondern die
Kapitalkosten - besser gesagt die Renditeerwartungen sind es! Ziel der
Propaganda um die angeblich zu hohen Arbeitskosten ist es also, die Löhne
der Arbeitnehmer im Sinne der Kapitalerträge auf breiter Front zu
kürzen. Doch dann können auch Arbeitnehmer immer weniger bei
den heimischen Arbeitgebern, sprich Firmen, Dienstleistungen oder Produkte
nachfragen. Und so beschert eine Verbesserung der "internationalen
Wettbewerbsfähigkeit" dem Mittelstand, also dem Bäcker
um die Ecke, dem Friseur von nebenan, dem Klempner oder Autoreparateur,
der Physiotherapeuten oder dem freiberuflichen Fortbildner, vor allem
weniger Umsätze. Nutzen tut diese Entwicklung vor allem international
agierenden Großkonzernen und Firmenketten, die den nationalen Mittelstand
an den Rand drängen. Da kann der heimische Bäcker so tüchtig
und fleißig sein, wie er will. Sobald ihm eine "Fruit Cake
Corporation" aus Schanghai Konkurrenz macht, kann er seine Waren
nicht mehr verkaufen. Dann landet er selbst im angeprangerten sozialen
Netz.
Die Propaganda im Sinne der maximalen Kapitalrendite wird von Interessengruppen
über die Medien geführt. Die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft"
(Chancen für alle) ist eine von vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall
jährlich mit rund 10 Mio. Euro finanzierte und von der Werbeagentur
"Scholz und Friends" koordinierte Kampagne, die durch eine Inszenierung
medienwirksamer Events und Durchdringung der Medien Stimmung für
"unternehmens-freundliche Wirtschaftsreformen" machen soll.
Dabei kann man auf ein Netzwerk aus Prominenten, Wissenschaftlern und
Journalisten zurückgreifen. Diese Personen werden in den Medien platziert,
indem sie z. B. in Talkshows, wie Sabine Christiansen, auftreten. Das
sorgt dafür, dass die entsprechenden Thesen und Themen - ohne dass
Sie diese als gelenkt erkennen können - verbreitet werden. Entgegen
der Suggestion einer "sozialen Marktwirtschaft" dringt aus allen
Poren dieser Initiative der Ruf nach absoluter Deregulierung, koste es,
was es wolle. Zu den eindringlichsten Forderungen zählt z. B. die
Ausdehnung von Ein-Euro-Jobs auf die private Wirtschaft. Die verquere,
aber bekannte Logik ist natürlich, dass alles, was (unausgesprochen)
unsozial ist, letztendlich sozial ist. Man erinnert sich unweigerlich
an Orwells Roman 1984 , wo Krieg gleich Frieden und Hass gleich Liebe
sind. Das ist bewährtes liberales Doppeldenk. Nach altbekannter neoliberaler
Unlogik sollen soziale Systeme durch ihren Abbau erst erhaltensfähig
werden. Würde man den INSM-Ideen folgen, schaffte man am besten alles
Soziale komplett ab, um es zu erhalten.
Neben dieser Initiative gibt es zudem eine Vielzahl neoliberaler Kampagnen
unter Namen wie: "Deutschland packt's an", "Berlinpolis",
"Aufbruch jetzt!", "Stiftung liberales Netzwerk",
"Projekt Neue Wege" oder "Reforminitiative". Außerdem
kürt man jedes Jahr medienwirksam den "Reformer des Jahres".
Diese Initiative behauptet mit Hinweis auf ein Standort-Ranking der Bertelsmann-Stiftung,
dass Deutschland in seiner wirtschaftlichen Entwicklung zum Entwicklungsland
mutiert sei. Sie wissen ja mittlerweile, dass uns die Bananenpflücker
beim Wachstum bereits überholt haben. Und genau diese Stiftung verlangt
eine Abschaffung der Arbeitslosenversicherung bis zum Jahre 2014 und eine
Halbierung der Sozialhilfe! Die Effekte auf dem Arbeitsmarkt würden
sicherlich durchgreifend sein! Insgesamt geht es bei Kampagnen solcher
Stimmungsmacher (sogenannte think tanks), der "Initiative Neue Soziale
Marktwirtschaft" wie auch "Du bist Deutschland" oder "Bürgerkonvent"
um eine Umerziehung der Massen im Sinne der neoliberalen neuen Freiheit,
also im Interesse von Finanzeliten.
Anders ausgedrückt wird das Soziale an der Marktwirtschaft über
die gekauften Medien als unsozial umdefiniert. Und damit Sie als gutgläubiger
Medienkonsument keinen Verdacht schöpfen, wird diese Veränderung
zu Ihren Ungunsten als positive Neuerung und daher als Fortschritt verkauft.
Es wird also eine "moderne" "Neue Soziale Marktwirtschaft"
kreiert. Mit dem Begriff des "Neuen" an der sozialen Marktwirtschaft
wird die bisherige Sozialordnung als alt, also unmodern etikettiert. Und
so wird beispielsweise die alte Ludwig-Erhard-Formel vom "Wohlstand
für alle" in einen neuen Slogan "Chancen für alle"
umgewandelt. Mit dem Abbau von Sozialleistungen bekommen Sie nämlich
als anständiger Werteschaffender endlich die Chance, in Zukunft zu
jedem noch so niedrigen Lohn Ihre Arbeitskraft anbieten zu müssen.
Die Höhe der Arbeitslosenunterstützung und Sozialhilfe bestimmte
bisher die Mindesthöhe des unteren Lohnniveaus, denn es lohnt sich
ja nicht, unter dieser Grenze arbeiten zu gehen. Wenn es weiniger Lohn
als Sozialunterstützung gibt, kann man auch gleich zu Hause bleiben.
Doch dieses Niveau muss im Sinne der Kapitalmaximierung gesenkt werden.
Wenn es weniger zu verteilen gibt, dann logischerweise nicht für
die Finanzinvestoren, sondern für Sie als Arbeitender!
Daher sagt man Ihnen auch, dass letztlich "sozial ist, was Arbeitsplätze
schafft". Das hört sich doch für proletarische Ohren richtig
gut an, nicht war? Toll ja, "sozial ist, was Arbeitsplätze schafft".
Lassen Sie sich diesen Satz einmal richtig auf der Zunge zergehen. Tja,
damit ließe sich sogar Kinderarbeit wieder einführen! Aber
Moment mal, wir sind ja vorerst beim modernen Sklaventum für Erwachsene.
Arbeit zu jedem auch noch so niedrigen Lohn, darum geht es natürlich.
Das ist doch wirklich sozial, insbesondere für unsere Renditejäger!
Und damit Sie als Schuftender Ihrer baldigen Lohnsenkung auch zustimmen
werden, redet man Ihnen ganz aus dem Hartzen und sagt, dass das System
der sozialen Sicherheit die Leistungsfähigkeit der Steuerzahler bei
Weitem überfordere. Ihre Leistungsfähigkeit bewegt sich ja schon
lange am Ende der Fahnenstange, nicht wahr. Aber darum geht es gar nicht,
denn Sie sollen in Zukunft sogar noch mehr, wenn auch für einen geringeren
Lohn schuften. Mit diesem Slogan werden Sie irregeführt, denn es
sollen Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Arbeitslose gegeneinander ausgespielt
werden.
So leuchtet es auch völlig ein, dass deutsche Arbeitslose auch endlich
geringstbezahlte Jobs von ausländischen "Gastarbeitern"
übernehmen sollten. Dabei haben z. B. polnische Erntehelfer zuhause
halb so hohe Lebenshaltungskosten als deutsche Arbeitskräfte. Dadurch
ist die Motivation natürlich doppelt so hoch! Das wird in den Medien
aber zumeist verschweigen. Was Sie bei der Propaganda nicht ahnen: Sie
werden auch recht bald dazugehören, nämlich wenn Sie selbst
von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Dann zieht die "Ausrede",
ausländische Arbeiter würden Ihnen die Arbeit wegnehmen, nicht
mehr. Sie werden es ihnen gleichtun müssen, und zwar zum gleichen
Lohn! Na, das ist doch eine freudige Botschaft, oder? Sie bekommen als
Arbeitsloser also endlich eine Arbeit! Und wenn das Geld zum Leben von
einer Arbeitsstelle nicht ausreicht, dann dürfen Sie ganz dem amerikanischen
working poor: "Der Präsident schuf hunderttausend neue Jobs
und ich habe drei davon!", so richtig den Workaholic herauslassen.
Da haben Sie nicht nur einen, sondern gleich mehrere schöne Jobs
an der Backe! Eine Siebzigstundenwoche, um gerade so über die Runden
zu kommen, das ist doch was! So wird die Arbeitslosenquote nachhaltig
gesengt, denn wenn Sie keine Arbeitslosenunterstützung mehr erhalten,
sind Sie auch nicht arbeitslos! Damit können Sie Ihr Recht auf Arbeit
so richtig verwirklichen! Und weil eben jeder seines eigenen Glückes
Schmied ist, haben nach einer Studie des US-Landwirtschaftsministeriums
im nationalen Durchschnitt zirka 12 Prozent der Amerikaner gelegentlich
mit Hunger zu kämpfen. Arbeiten und trotzdem in Armut leben, das
nennt sich also Eigenverantwortung und Freiheit!
Nun aber keine Panik, denn zusätzlich zum Hungerlohn bekommen Sie
- quasi als Übergangslösung - einen ganz hartzlich kombinierten
Zuschuss vom Staat, denn die Reformen in Ihrer Geldbörse können
Ihnen leider nur scheibchenweise serviert werden. Sie sind halt zu verwöhnt
und Politiker wollen ja noch die nächste Wahl gewinnen. Doch bevor
Sie auch nur einen Cent des Arbeitslosengeldes II (wie dieses hartzliche
Almosen verschleiernd genannt wird) erhalten, müssen Sie zeigen,
was man Ihnen noch alles so abknöpfen könnte. Dafür müssen
Sie leider vorm Amtsschimmel die "Hosen" herunterlassen und
sich beim Antrag für das hartzliche Almosen völlig nackig ausziehen
und sämtliche Besitztümer, die Sie im Laufe Ihres harten Arbeitslebens
angesammelt haben, exakt angeben. Es könnte ja sein, man findet bei
der Leibensvisite noch das eine oder andere interessante wertvolle Besitzstück,
das Sie scheinbar in krimineller Absicht verbergen wollten. Das geht natürlich
nicht, denn Ehrlichkeit muss schon sein! Und weil man Ihnen nicht trauen
kann, hat man auch von höchster Stelle ein neues Gesetz erlassen,
nämlich das "Gesetz zur Förderung der Steuerehrlichkeit".
Sie als hartzlicher Almosenempfänger besitzen ja auch unendlich viele
Möglichkeiten zur Steuerhinterziehung. Durch diese Regelung können
Finanz-, Arbeits-, Bafög-, Sozialämter und Wohngeldstellen die
Stammdaten - also Kontonummer, Inhaber, Bevollmächtigte und Eröffnungsdatum
- aller Bankkonten in Deutschland abfragen. Bislang war dies nur der Steuerfahndung
und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) erlaubt.
Tja, auch ein Bankgeheimnis sollte man sich leisten können, oder
haben Sie etwa ein Konto im Ausland? Na, sehen Sie. Aber auch die paar
Kröten auf dem inländischen Konto sind doch viel zu viel. Zur
Bewilligung eines hartzlichen Zuschlages sollten Sie nämlich als
Voraussetzung einen Großteil Ihrer materiellen Sicherheiten verjubeln.
Ihre Arbeitsmoral muss eben trotz eines erheblichen Lohnabschlages gestärkt
werden, und das geht am besten, wenn Sie mit dem Rücken zur Wand
stehen und finanziell nicht mehr ein noch aus wissen! Größere
Ersparnisse oder gar Besitztümer würden Ihnen nur unnötige
Sicherheit verschaffen, also her damit! Auch wird Ihnen vorgeschrieben,
wo und mit wem Sie zusammen lieben, leben und wohnen dürfen. Schließlich
könnte man dem netten Partner auch noch in die Taschen schauen. Ja
haben Sie je gehört, dass sich Sklaven ihre Behausung selbst aussuchen
dürfen?
Hartz IV, so wie es 2005 eingeführt wurde, ist natürlich erst
der Anfang. Damit Ihre Motivation auch für die schlechtbezahlteste
Arbeit und unter den miesesten Arbeitsbedingungen steigt, wird der hartzliche
Zuschuss mit der Zeit immer weiter gesenkt.* Das geht per Salamitaktik,
Schritt für Schritt. Dafür benutzt man die bereits allseits
bewährte Methode - die Sie schon kennen -, indem man verschiedene
Gruppierungen gegeneinander ausspielt. So wird man Ihnen sicherlich recht
bald mitteilen, dass man bestimmten Gruppen, so vielleicht Jugendlichen,
die noch bei den Eltern leben, die hartzliche Zuwendung kürzen müsse.
Dafür findet man sicherlich gute Gründe, wie z. B. dass diese
bisher nichts in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hätten,
oder so ähnlich. Wie man diese Kürzungen begründet, ist
im Grunde einerlei. Ist dieser Deal ohne größere Proteste aus
der Masse gelungen, nimmt man sich die nächste Gruppe vor - und so
weiter und so fort. Letztlich werden so immer größere Teile
der Bevölkerung enteignet, unmündig gemacht und für einen
Hungerlohn versklavt.
Was sagen Sie? Das ist gemein!? Sie brauchen doch den Antrag bei der Arbeitsagentur
nicht zu stellen. Niemand, nein, wirklich niemand wird dazu gezwungen.
Wenn Sie nicht wie eine Weihnachtsgans ausgenommen werden möchten
und für ein Almosen malochen wollen, dann gehen Sie doch ein wenig
bei schönem Wetter in der Fußgängerzone spazieren und
bitten Sie die Mitmenschen um eine Spende oder genießen Sie die
herrliche Natur unseres Landes und ernähren Sie sich von Früchten
des Waldes. Essensreste aus Mülltonnen und Flaschen aus Papierkörben
zu angeln soll ja auch eine interessante Beschäftigung sein. Und
da sagen Sie noch, es gäbe keine Arbeit?! Wenn Ihnen das nicht ausreicht,
können Sie eine schöne warme Suppenküche besuchen, die
von besonders reichen Philanthropen mit ein paar Penunzen unterstützt
wird. Und bedanken Sie sich schön brav bei den Herrschaften
Na also, da ist es doch besser, Sie bekommen als richtiger hartzlicher
Arbeitssklave Kost und Logis frei und können sich noch einen ganzen
Euro fürs Benzingeld dazuverdienen. Schließlich müssen
Sie es noch bis zur Arbeitsstelle schaffen. Es mutet fast wie früher
in der Sklaverei an, da hatten die Sklaven auch Kost und Logis frei und
sonst nichts an Besitz - damit sie nicht davonlaufen. Die Geschichte wiederholt
sich.
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Copyright:
2006 Detlef Ouart, Verbreitung mit Quellenangabe erwünscht!
Eine Wahlkampfveranstaltung,
die fast wahr sein könnte
Der Spitzenkandidat der Weißen Malocherpartei (kurz "Die Unschuldigen")
Hans-Herrmann Ochsentreiber weiß sehr genau, dass der Ausdruck seiner
Stimme, die Körperhaltung am Rednerpult, der Blickkontakt zum Publikum
und eine Seriosität ausstrahlende Kleidung viel gewichtiger sind,
als die von ihm in seiner Rede vorgebrachten Inhalte. Das liegt daran,
dass sich die fünf großen Malocherparteien und deren Kandidaten
vor allem durch die jeweiligen Namen und Farben der Fahnen, Logos, Luftballons
und Winkelemente unterscheiden. Um sich dennoch hervorzutun, hatte er
bereits im Vorfeld seines Wahlkampfes ausgiebige Unterrichtsstunden am
Institut für Schauspielkunst erhalten. Gleichzeitig setzte eine Promotionsagentur
Gerüchte über eine geschäftige und entbehrungsreiche Vergangenheit
des in Wirklichkeit arbeitsscheuen und daher leicht korrumpierbaren Sunnyboys
in die Welt. Wer im Lande der Arbeitssklaven nicht fleißig im Hamsterrad
strampelt, macht sich verdächtig, als Terrorist die Ziele des 7.
Wachsdummsparteitages untergraben zu wollen. Solch ein schweres Vergehen
wird mit einer Trainingsmaßnahme in einem Erziehungslager der Arbeitsaussichtspolizei
bestraft. Deshalb sind ein gutes Führungszeugnis und arbeitsames
Image unabdingbar.
"Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!", so steht es als
oberste Richtlinie in allen Parteiprogrammen sämtlicher Malocherparteien
geschrieben. Andere Parteien haben übrigens kaum eine Chance gewählt
zu werden, denn diese versprechen den Arbeitssklaven viel zu wenig Sklavenarbeit.
Was aber konkret "Arbeit" und was konkret "Essen"
bedeuten, wird nirgends in den Parteiprogrammen ausgeführt. Arbeit
ist im Lande der Arbeitssklaven etwas absolut Heiliges, und deshalb ist
es völlig gleichgültig, um welche Arbeit es sich handelt und
auch zu welchem Zwecke diese ausgeführt wird. "Arbeiten, koste
es, was es wolle" - nur das zählt!
Tja, und übers Essen macht sich schon lange niemand mehr Gedanken.
Nun, nach einer vierjährigen Wachstumsphase stehen für Millionen
von Arbeitssklaven vier weitere arbeitsreiche Jahre an, und daher dürfen
sie sich aussuchen, ob sie zukünftig von einer gelben, grünen,
roten, schwarzen oder weißen Malocherpartei oder von einer gescheckten
Malocherparteikoalition die Peitsche gezeigt bekommen. Ja, eine Wahlfreiheit
zwischen den verschiedenen Farben gehört zu den Grundsätzen
der demokratischen Arbeitsgesellschaft, wird diese doch im Lande der Arbeitssklaven
besonders groß geschrieben. Äußerlichkeiten sind ja soo
wichtig! Da jedoch die Wachstumsraten der Produktivität wieder einmal
nicht den expotentiellen Forderungen der Wachsdummsaufsichtsbehörde
entsprechen, müssen - wie immer - alle vier Jahre die Arbeitsnormen
auf sämtlichen Wirtschaftsgebieten angehoben werden. Dieses kundzutun
gehört im Wahlkampf bereits zum festen Ritual. Ein Prominenter, der
berühmte Schauspieler der Fernsehserie "Schlechte Zeiten, ganz
schlechte Zeiten für Arbeitssklaven" Hans-Werner Unsinn kündigt
im Workingstadion bei maximaler Lautstärke der Beschallungsanlage
den Spitzenkandidaten vor über einhunderttausend anwesenden Arbeitssklaven
an: "Sehr geehrte Dumpfbacken und leichtgläubige Schwachköpfe!
Begrüßen wir gemeinsam den Spitzenkandidaten der Weißen
Malocherpartei, Heeeerrn Haaaans-Heeeeerrmann Ooooochsentreeeeeeeiiiiiiber!!!"
Grandioser Beifall erschallt und einige von der Partei gestellte Gruppen
von Arbeitssklaven rufen begeistert "Ochsentreiber, Ochsentreiber,
er lebe hoch, hoch, hoch!"
Der Spitzenkandidat der Weißen Malocherpartei (kurz "Die Unschuldigen")
Hans-Herrmann Ochsentreiber betritt die Bühne, begibt sich ans Rednerpult
und beginnt seine Wahlrede:
"Räusper! Werte Parteifreunde, Ideologen und Ideologinnen; werte
Vorbeter und gedankenlose Nachsager! Wieder sind vier wachstumsreiche
Jahre vergangen, und ich möchte als Erstes den Millionen Arbeitssklaven
danken, den vielen fleißigen und unermüdlichen Marionetten
des Systems, die bereits seit Jahrzehnten ihr Leben und ihre Arbeitskraft
für Zinsen, Renditen und Dividenden einiger weniger reicher Geldsäcke
opfern. Das macht mich stolz. Ja, ich kann mit Hochmut verkünden:
Hinter mir stehen Millionen und Milliarden! Und es werden immer mehr!"
Spontaner Beifall wird von einigen ausgesuchten Anklatschern der Partei
entfacht. Die Mehrheit klatscht mit.
"Eine Danksagung zu Beginn meiner Rede ist bereits zu einer guten
Tradition geworden, denn auch fleißige Arbeitssklaven brauchen hin
und wieder eine kleine Streicheleinheit. Das ist wichtig, damit sie die
kommenden Erhöhungen der Arbeitsnormen besser verkraften. Deshalb
nochmals Danke, danke, danke liebe Dumpfbacken!"
Beifall.
"Werte Arbeitssklaven, mir ist schon klar, Sie können sich für
meine heuchlerischen Worte leider nichts Neues kaufen, aber dafür
gibt es ja auf dieser Veranstaltung immerhin Zuckerwatte und bunte Brause
unseres Hauptsponsors der "Weißzucker AG" gratis!"
Stürmischer Beifall entbrannt und freudig wird das Lied "Mit
Weißzucker ist alles in Butter
" aus dem neuesten Werbespot
des Zucker-Multis angestimmt.
"Räusper. Werte Arbeitssklaven, kein guter Betrug kommt ohne
eine Vision aus. Und bei dieser großen Vision geht es logischerweise
um etwas Wichtigeres und viel Bedeutenderes als ein lächerliches
kleines Sklavenleben wie das ihrige. So haben es erfolgreiche Ideologen
schon immer getan. Darum lassen Sie mich etwas von Verantwortung
für unser Land', einer europäischen Einigung', transatlantischer
Partnerschaft', von sozialer Marktwirtschaft', Kinder-, Jugend-
und Familienpolitik' und eine heuchlerische Verpflichtung, dem Wohlergehen
des Volkes zu dienen' schwafeln. Das hört sich gut an und lenkt davon
ab, dass auch die gutgemeintesten Ideale gegen eine ausreichende Anzahl
von Geldscheinen nicht die Spur einer Chance besitzen. Ja, auch Politiker
möchten teure Anzüge tragen, dicke Schlitten fahren, hin und
wieder ihre Fraktionskollegen vor Neid erblassen lassen. Vor allem aber
geht es darum, rechtzeitig das eigene Schäfchen ins Trockene zu bringen.
Darf ich das mal so sagen: Ihr seht, ich bin einer von euch, werte Arbeitssklaven!"
Angeklatschter Szenenapplaus.
"Aber auch genügend Idealisten braucht eine Partei. Je mehr
es davon gibt und je weniger diese Dummköpfe an Pinkepinke für
sich beanspruchen, desto mehr bleibt für mich übrig. Deshalb
bedanken wir uns alle bei den Tausenden in den hinteren Reihen unserer
Partei, den Träumern, die immer noch an Weihnachtsmänner und
edle Samariter glauben."
Beifall.

"So mancher mag davon träumen, es allen gezeigt zu haben und
irgendwann genau wie ich im A1 vorzufahren und die Blicke der Neider auf
sich zu ziehen. Aber glücklicherweise sind die meisten viel zu idealistisch
und deshalb zu wenig korrupt. Ja, diese Fantasten glauben immer noch an
Gerechtigkeit oder so etwas. So schaffen sie es natürlich niemals
bis an die Spitze. Wer so hoch kommt wie ich, meine werten Arbeitssklaven,
der kennt keinerlei menschliche Werte mehr, der kennt nur noch Zahlen.
Ja, wir brauchen doch Wachsdumm in den Geldbeuteln einiger weniger, Wachsdumm
um jeden Preis! Dafür heißt es, alles unterzuordnen, koste
es, was es wolle! Und wenn ab und zu einige Schwächlinge über
die Klinge springen, was soll's?! Es gibt doch wirklich genug davon. Für
diesen Zweck können wir keinen Euro mehr ausgeben, denn das reduziert
das Wachsdumm in den Geldsäcken einiger weniger, und das darf es
niemals. Für soziale Fantasien gibt es immer noch viele idealistische
Träumer, die sich ehrenamtlich darum kümmern können. Für
ihre aufopferungsvolle unentgeltliche schwere Arbeit sei Ihnen ganz hartzlich
gedankt! Ha, vielleicht gibt es ja mal ein Verdienstkreuz am Bande, ha,
ha, ha! Blech und Zwirn sind nicht so teuer! Ha, ha, ha!"
Beifall.
"Werte Arbeitssklaven, doch nun genug der heuchlerischen Schleimerein,
denn ich bin aus einem viel wichtigeren Grund zu Ihnen gekommen. Wie Sie
aus den gleichgeschalteten Medien bereits erfahren haben, ist das Wirtschaftswachsdumm
leider wieder hinter den Erwartungen der Imperialen Wachsdummsfördergesellschaft
(kurz IWF) zurückgeblieben." Erhoben wird der Zeigefinger. "Das
sehen diese netten Damen und Herren aber wirklich nicht gerne! Ohne ein
Wachsdumm in den Brieftaschen dieser ehrenwerten Herrschaften wird es
wirklich eng mit der Existenzberechtigung von Ihnen, werte Arbeitssklaven.
Das muss ich Ihnen leider so ungeschminkt mitteilen. Aber ich habe wie
immer eine kolossale Lösung für dieses Dilemma parat. Nämlich
unser tolles "Reformprogramm", das ich Ihnen nun vorstellen
möchte!"
Beifall gefolgt von gespannter Ruhe.
"Unser Reformprogramm ist im Grunde ganz einfach gestrickt, sodass
dieses Konzept sogar auf einen Bierdeckel passen würde. Es geht so:
"Was jemanden an Kohle mehr zugeschoben wird, wird einem anderen
genommen." So einfach ist das! Werte Arbeitssklaven, damit es Ihnen
irgendwann wieder etwas besser gehen könnte, müssen Sie leider,
natürlich nur vorrübergehend, die Gürtel etwas enger stellen.
Um genau zu sein, wird Ihnen der Lohn nur um ganze 10 Prozent gekürzt.
Und damit Sie keine Zeit für Protestaktionen, Unterschriftensammlungen
oder ähnlichen Unfug verschwenden können, wird Ihnen gleichzeitig
die Arbeitszeit um genau diesen Wert verlängert, also ebenfalls um
10 Prozent. Meine werten Arbeitssklaven, Sie bekommen also noch mehr Arbeit
aufgebrummt!"
Stürmischer Beifall.
"Danke, danke! Werte Arbeitssklaven, ich muss jedoch schauen, ob
den netten Damen und Herren der Wachsdummsfördergesellschaft der
so ergaunerte Mehrwert von 20 Prozent wirklich ausreicht. Ich kann Ihnen
das nicht versprechen, denn die Herrschaften haben so ihre Ansprüche.
Letztens haben wir uns wieder konspirativ zu einem Meinungsaustausch getroffen,
wo einer von den Herrschaften den Wunsch geäußert hat, sich
eine neue Südseeinsel kaufen zu wollen. Die Währungen schmieren
bald ab, da muss man halt vorsorgen. Nun ja, vielleicht reicht es dafür."
Vereinzelte Pfiffe aus der Menge.
"Werte Arbeitssklaven, Sie sollten schon etwas mehr Flexibilität
zeigen, denn um diesen Schwindel durchzusetzen, bekomme ich nur 10 Prozent
mehr zu meinen schmalen Diäten zugesteckt. Das ist im Vergleich zu
einer Südseeinsel wirklich nicht besonders viel."
Vereinzelte Buhrufe aus der Menge.
"Werte Arbeitssklaven, um Sie von diesem unerhörten Betrug abzulenken,
lassen Sie mich nun auf den politischen Gegner zeigen. Der Kampf um die
hochdotierten Posten im Parlament ist ziemlich hart, denn alle Politiker
labern ja mehr oder weniger das gleiche wirre Zeug wie ich - brubbel,
brubbel." Unmerklich wird die Lautstärke der Beschallungsanlage
auf das Maximum verstärkt. "Ja, war es nicht der Spitzenkandidat
der derzeitig mitregierenden Roten Malocherpartei (kurz "Die idealistischen
Langschläfer") Hans-Friedrich Achtundsechziger, der kürzlich
forderte, Sie sollten nur ganze 8 Prozent länger malochen und das
für sage und schreibe nur 8 Prozent weniger Lohn?! Meine werten Arbeitssklaven,
das ist doch wirklich unerhört!!! Solche Schlafmützen können
wir hier nicht gebrauchen! Wo bleibt denn da die Arbeit?!!"
Buhrufe und Pfiffe.
"Meine
werten Arbeitssklaven, dieses macht ganz deutlich: Die Zeit ist reif für
den Wechsel!"
Applaus.
"Als politische Gegner beharken sich Regierung und Opposition vor
Ihnen, liebes Publikum, zwar aufs Schärfste, aber hinter den Kulissen
sind wir uns zumeist schnell einig. Mein Gott, wir kennen uns doch schon
soo viele Jahre aus soo vielen Arbeitssitzungen und Debatten, in denen
wir gemeinsam abgegammelt haben. Ja, und erst die vielen Feste und Feiern,
wenn wieder eine Diätenerhöhung beschlossen wurde. Was haben
wir da miteinander gesoffen und gejohlt, und wer so alles mit wem fraktionsübergreifend
ins Bett gestiegen ist, erzähle ich hier lieber nicht
"
Peinlich berührtes Gelächter von einigen alten Jungfern.
"Aber wenn's um hochdotierte Posten geht, meine werten Damen und
Herren, dann ist Schluss mit lustig. Da sind wir kämpferisch und
unnachgiebig! Liebe Dumpfbacken, der Wechsel muss gelingen, denn meine
Villa auf Teneriffa braucht unbedingt ein neues Dach, und das ist ziemlich
teuer. Dieses zu erneuern schafft doch Arbeit, Wachsdumm und Beschäftigung!"
Beifall.
"Ein Wechsel ist schon deshalb wichtig, damit Sie das falsche Gefühl
bekommen, wieder einmal Unheil abgewendet zu haben, währenddessen
ein neues auf Sie wartet. Regierung und Opposition exerzieren ja ständig
einen "Staffellauf der Sauereien". Was die Opposition aufs Heftigste
bei der Regierung bekämpft, ist genau das, was sie mit der Machtübernahme
umso dreister fortführt. Ja, es geht auch gar nicht anders, denn
sämtliche Parteien sind der Wachsdummsfördergesellschaft Rechenschaft
schuldig. Meine werten Arbeitssklaven, damit einige wenige völlig
leistungslos horrende Renditen und Zinsen kassieren können, muss
dafür der Mehrheit - also Ihnen - immer weniger verbleiben. Anders
funktioniert diese Ökonomie nun leider nicht. Damit Sie nichts davon
bemerken, werde ich als zusätzliches Ablenkungsmanöver auf einige
Sündenböcke zeigen. So läuft es immer. Da gibt es doch
tatsächlich noch Sklaven, die verdienen für ihre Sklavenarbeit
viel zu viel."
Buhrufe und Pfeifkonzert aus der Menge.
"Solche Besserverdiener schmälern doch die Profite der Finanzinvestoren.
Sie sollten sich mit Ihren Lohnforderungen an dem orientieren, was Schuhputzer
in Bangladesh bekommen. Mehr können wir uns leider nicht mehr leisten!
Und noch etwas: Da gibt es doch tatsächlich Faulpelze unter uns,
die nicht arbeiten, aber trotzdem Geld kassieren wollen. Das sind die
sogenannten Arbeitslosen und auch Rentner und Behinderte. Solch eine Ehre
gebührt aber nur den reichen Geldsäcken, denen Sie werte Arbeitstiere
sind und die Zinsen und Renditen erarbeiten müssen. Und wenn Letztere
zu gering ausfallen, können wir uns derartigen Luxus, wie Arbeitslosenunterstützung
und Renten, sowieso nicht mehr leisten. Diese Wahrheit muss mal gesagt
werden. Ja, wozu denn auch Urlaub und Renten, denn Sie wollen doch alle
Arbeit und Beschäftigung! Oder etwa nicht?"
Beifall.
"Daher müssen wir solche leistungslosen Zuwendungen radikal
kürzen, um den Leistungsanreiz für diese Faulpelze zu verstärken.
Für billigen Fusel, Fernsehgeräte und Zuckerwatte unseres Hauptsponsors
reicht auch ein Hungerlohn völlig aus, meine lieben Konsumidioten."
Beifall.
"Werte Arbeitssklaven. Wenn's uns allen schlechter geht, geht's einigen
wenigen immer besser. Es gibt nämlich noch eine viel wichtigere Mission,
weshalb ich hier spreche."
Gespannte Ruhe, in der man eine Stecknadel hätte fallen hören
können.
"Da draußen bedrohen fundamentalistische Fanatiker unsere Welt,
Despoten brechen das Völkerrecht und bereichern sich aufkosten der
Allgemeinheit. Rechte von Arbeitenden gehen verloren, Zensur und Geheimhaltung
überall, Hunger und Armut treiben Millionen in den Tod, Gewalt und
Folter sind an der Tagesordnung - und, ja, es gibt wieder Arbeitslager.
Diese Diktatoren bedrohen unsere freiheitlich-demokratische Sklavenordnung.
Es ist der reinste Terror! So viel Ungerechtigkeit muss unbedingt bekämpft
werden. Wir müssen also für eine gute und edle Sache etwas,
nun ja also sozusagen, gleichsam, gewissermaßen, nicht so ganz Schönes
unternehmen. So war es doch schon immer in der Geschichte, oder haben
Sie jemals einen Kriegstreiber sagen hören, er würde für
das Böse und Verächtliche eintreten?!"
Gelächter aus der Masse.
"Na, sehen Sie, werte Dumpfbacken! Und darum frage ich euch: Müssen
wir alle noch optimistischer, zuversichtlicher und daher härter und
länger arbeiten und obendrein weniger verdienen, damit wir mehr Wachsdumm
in die Geldsäcke einiger weniger bekommen?"
Die Massen rufen begeistert: "Ja!!!"
"Müssen wir alle noch mehr Konsumschrott, billige Schnäppchen
und Schnäpschen konsumieren, damit wir mehr Wachsdumm in die Geldsäcke
einiger weniger bekommen?"
Die Massen rufen begeistert: "Ja!!!"
"Müssen wir uns alle weniger gesunde Lebensmittel, aber dafür
billiges Fastfood einpfeifen, damit wir mehr Wachsdumm in die Geldsäcke
einiger weniger bekommen?"
Die Massen rufen begeistert: "Ja!!!"
"Müssen wir mehr Friedenskämpfer in die Wüsten der
Welt schicken, damit wir mehr Wachsdumm in die Geldsäcke einiger
weniger bekommen?"
Die Massen rufen begeistert: "Ja!!!"
"Sehr geehrte Arbeitssklaven und werte Konsumidioten, ich danke Ihnen!
Bitte geben Sie mir und der Weißen Malocherpartei Ihre Stimme! Ich
bin mir ganz sicher, wir werden den Kampf gegen das Böse, für
Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit gewinnen!"
Stürmischer Beifall entbrannte und eine Band spielte das Lied "Mit
Weißzucker ist alles in Butter
" aus dem neusten Werbespot
des Hauptsponsors an. Begeistert strömen die Massen zu den Verkaufszelten.
Ein schöner Abend geht zu Ende.
>
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Die Reform des Geldsystems
Wir leben in einem gesellschaftlichen Monopolyspiel und wir alle können
uns zu den Verlierern zählen. Nur eine Minderheit gewinnt dabei und
ist deshalb bestrebt, das Spiel am Laufen zu halten. Zu Beginn des Spiels
hat jeder scheinbar gleiche Chancen, gewinnbringendes Kapital zu erwerben.
Doch einige besitzen bereits die besten Stücke, Parkstraße
und Schlossallee. Daher steht der Ausgang des Spieles längst fest,
nur nicht, wann es genau beendet wird. Wer viel Kapital angesammelt hat,
gewinnt ständig mehr dazu, mit dem er wiederum immer mehr Kapital
anhäufen kann. Das steigert sich ins Unermessliche. Die anderen Spieler
verlieren nach und nach ihr Kapital und können nur versuchen, den
drohenden Bankrott durch harte Arbeit zeitlich hinauszuschieben. Doch
Leistungen lassen sich nicht unendlich steigern, und so gewinnt mit jeder
Runde die Kapitalvermehrungsseite immer mehr. Das hat zur Folge, dass
den arbeitenden Spielern mit der Zeit das Geld ausgeht. Aber auch Schulden
lassen sich nicht unendlich vermehren, womit das Spiel nach einem Währungsschnitt
von vorn beginnt. Doch die Ausgangsbedingungen für die nächste
Runde sind sehr ungleich. Für die Mehrheit beginnt es mit den Kleidern
auf dem Leibe und für eine Minderheit als Grundstücks- und Fabrikbesitzer,
also mit Parkstraße und Schlossallee. So ist auch der nächste
Ausgang wieder vorprogrammiert. Kein Wunder also, dass dieses Spiel von
den Systemgewinnern heilig gesprochen wird!
Wenn aber das Spiel für die Allgemeinheit immer den gleichen unheilvollen
Ausgang nimmt und man dies nicht länger hinnehmen möchte, muss
man die Spielregeln verändern. Was kann man tun? Reformen, Reformen
und nochmals Reformen! Sicherlich können Sie dieses Wort schon nicht
mehr hören - und das zu Recht. Was unsere Politiker nämlich
als Reformen bezeichnen, ist bestenfalls ein Herumdoktern an den Symptomen.
Der Verschuldungs- und Investitionszwang, der durch das Zinssystem verursacht
wird, ist der Tumor im Fleisch der Gesellschaft. Anfangs unbemerkt und
klein entwickelt er sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem gefährlichen
Geschwür. Man kann ihn lange Zeit ignorieren, verdrängen und
so tun, als sei alles in Ordnung. Doch irgendwann werden lebenswichtige
Organe angegriffen, gerät das gesellschaftliche Leben immer mehr
aus den Fugen, gibt es trotz hoher Produktivität immer mehr Arbeitslosigkeit
und Armut. Dann gibt es die unzweifelhafte Diagnose: Krebs! Doch was tun
die Ärzte, unsere Politiker? Sie ignorieren den Tumor, schnippeln
ein wenig hier und dort herum und verordnen Diät - anstatt die Ursachen
zu benennen und zu beseitigen. Nur eine Reform des Wirtschafts- und Finanzsystems
kann eine Lösung sein! Und diese Lösung kann nur so aussehen,
dass sich Geld nicht aus sich selbst vermehren darf. Nein, umgekehrt wird
ein Schuh daraus, denn die Geldmenge muss dem Wirtschaftsvolumen, also
dem Wert der erarbeiteten Güter und Dienstleistungen, angepasst werden!
Es muss also sichergestellt sein, dass die Menge des in Umlauf befindlichen
Geldes der Menge des in der Realwirtschaft benötigten Geldes stets
möglichst nahe kommt. Das kann man mit einer sogenannten Umlaufgebühr
- wie sie von der Freiwirtschaft gefordert wird - erreichen.
"Nichts
ist mächtiger als eine Idee zur richtigen Zeit." (Victor Hugo,
französischer Schriftsteller)
Die Freiwirtschaft
Die Idee einer Umlaufgebühr (auch Liquiditätsabgabe genannt)
geht auf den deutsch-argentinischen Kaufmann Silvio Gesell (1862 - 1930)
zurück. Bei diesem Konzept spielt die erkannte Überlegenheit
des Geldes gegenüber den mit ihm zu tauschenden Gütern eine
entscheidende Rolle. Während Güter aufgrund von Alterung, Verderb,
Mode und Lagerkosten unter Angebotszwang stehen, kann das Geld warten.
Während Arbeitseinkommen immer notwendig sind, um das eigene Überleben
zu sichern, können Investitionen warten, bis die Höhe für
Verzinsung oder Renditen ein akzeptables Niveau erreicht haben. Wenn Sie
die Wahl hätten zwischen Geld im Wert von 1 Mill. Euro oder Kartoffeln,
Kleidern, Radiergummis, Autos, Computers etc. im gleichen Wert, dann würden
Sie sich bestimmt für das Geld entscheiden. Diese Überlegenheit
des Geldes schlägt sich im Grundzins als Preis für die Geldüberlassung
nieder. Selbst in Zeiten schwacher Konjunkturlagen und reichlicher Geldausstattung
ist das Geld in der Lage, durch Zurückhaltung und künstliche
Verknappung des Geldangebotes einen positiven Zins zu verlangen. Eine
Liquiditätsabgabe oder Umlaufgebühr würde diesen Vorteil
neutralisieren und so ein marktgerechtes Absinken der Zinsen gegen null
ermöglichen. Erste erfolgreiche Versuche mit Freigeld gab es - aus
der Not geboren - kurz vor dem 2. Weltkrieg in einem österreichischen
Städtchen, was als Wunder von Wörgl in die Geschichte einging.
In der Zeit des sogenannten Freigeldes verschwanden Arbeitslosigkeit und
Geldmangel. Leider wurde dieser Versuch durch den Staat mit Hinweis auf
das Geldmonopol unterbunden. Wahrscheinlich wurde dies von den Finanzeliten
als Konkurrenz zum Zinsgeld erkannt und daher verboten. Die sogenannte
Freiwirtschaft stellt eine Wirtschaftstheorie dar, die auf den Ideen Silvio
Gesells basiert. Danach wird der Zins- und Zinseszins-Mechanismus als
ungerechter und die Wirtschaft lähmender Umverteilungsprozess der
Geldvermögen erkannt. Silvio Gesell entwickelte seine Theorie zu
Beginn des 20. Jahrhunderts. Er veröffentlichte seine wichtigsten
Thesen erstmals im Jahre 1916 in seinem Werk "Die natürliche
Wirtschaftsordnung" . Eine Aufarbeitung dieser Theorie hat der Wirtschaftsanalytiker
Helmut Creutz vorgenommen, indem er die Überlegungen Gesells anhand
von Datenmaterial der Deutschen Bundesbank, des Statistischen Bundesamts
und ähnlicher Institutionen für die heutige Zeit konkretisiert
hat. Damit werden Entwicklungen in Deutschland, die Geldpolitik der EZB
und auch globale Veränderungen erklärbar. Dieses hat er in seinem
Standardwerk "Das Geld-Syndrom" auf allgemeinverständliche
Art und Weise dargelegt. Bewegungen, wie die "Initiative für
natürliche Wirtschaftsordnung" , "Christen für gerechte
Wirtschaftsordnung" e. V. und die "Humanwirtschaft" , treten
für diese Lösung in der Öffentlichkeit ein. Sie können
unter den Stichworten: Freiwirtschaft, Humanwirtschaft und natürliche
Wirtschaftsordnung im Internet viele Informationen finden.
Regionalwährungen
Ich möchte jedoch aus dieser meiner Meinung nach wichtigen Freiwirtschaftstheorie
kein Dogma erheben. Eine Theorie ist so viel wert, wie sie sich in der
Praxis erprobt. Anstatt also uralte Schriften zu zitieren und diese nachzubeten,
sollten wir selber unser Gehirn gebrauchen, nachdenken und auch eigene
Ideen einbringen. Das Problem ist erkannt und nun gilt es, Lösungen
zu schaffen. Eine wichtige Funktion erfüllen hierbei bereits die
immer mehr aufkommenden sogenannten Regionalwährungen. Diese sollen
die Symptome der Geldhortung in den herkömmlichen Währungen
aufheben. Regionalgelder, wie "Chiemgauer", "Berliner",
"Lausitzer" oder "Urstromtaler", gelten nur in den
Regionen, für die sie konzipiert sind. Sie ergänzen den Euro
um ein regionales Zahlungsmittel. Dabei geht es vor allem darum, eine
ungedeckte Nachfrage in der Region, die durch einen gestörten Geldumlauf
entsteht, zu decken. So werden Waren und Dienstleistungen der Region mit
dem Geld der Region bezahlt, weswegen Wertschöpfung und Überschüsse
in der Region verbleiben, was die Nachfrage wiederum stärkt. Wenn
Sie Ihr Geld einem regionalen Anbieter überlassen, kann er es wieder
in regionale Unternehmungen investieren, und es nutzt Ihnen persönlich
mehr, als wenn es über einen multinationalen Großkonzern in
die entlegenste Ecke der Welt transferiert wird. Durch eine positive Entwicklung
regionaler Kreisläufe ist es außerdem möglich, sich besser
vor den Unwägbarkeiten globaler Finanzspekulation zu schützen
und einen Ausweg aus der Globalisierungsfalle zu finden. Diese können
als Rettungsanker für einen drohenden Zusammenbruch der herkömmlichen
Währungen dienen. Je mehr diese Währungen durch Geldhortung
ihre Funktion als Tauschmittel einbüßen und dadurch die aufkommende
Wirtschaftskrise verstärken, desto wichtiger werden alternative Tauschmittel,
wie Regionalwährungen. Ermutigend ist, dass auch immer mehr Politiker
regionale Tauschmittel unterstützen. Allerdings bleibt abzuwarten,
inwieweit Ökonomen und Spitzenpolitiker frühere Fehler und Irrtümer
eingestehen und der Macht des Großkapitals zu wiederstehen wagen.
Weitergehende Informationen zu Regionalwährungen finden Sie unter
anderem im Buch "Regionalwährungen - Neue Wege zu nachhaltigem
Wohlstand" von Margrit Kennedy und Bernard A. Lietaer sowie im Internet
auf der Seite des Regionalgeldnetzwerkes.
Arbeitszeiten halbieren statt verlängern!
Sie würden also in Zukunft kaum noch Zinsen für Ihr Geld erhalten.
Das hört sich nicht sehr attraktiv an. Aber dafür müssen
Sie auch nicht mehr die Zinsen und Renditen anderer erwirtschaften, die
sich auf das Vielfache belaufen. Sie können also weiterhin Geld ansparen,
nur vermehrt es sich nicht mehr auf wundervolle Art und Weise. Inflation
oder Deflation würde entfallen, denn eine Zentralbank würde
die Geldmenge entsprechend des Güter- und Dienstleistungsangebotes
steuern. Der "freiwirtschaftliche Euro" hätte also in zwanzig
Jahren immer noch die gleiche Kaufkraft wie heute. Geld muss in Zukunft
ohne einen Bonus (außer Bearbeitungsgebühr und Risikoaufschlag,
was der Allgemeinheit zugute kommt) zur Verfügung gestellt werden!
Dann ist jedes Jahr genügend Geld für Naturschutz, Kindergärten,
Renten, Löhne, Vereinsleben, Kultur, Studium, Ausbildung, Forschung,
Soziales
vorhanden.
Besonders positiv würde sich der entfallene Zwang zum Wirtschaftswachstum
auswirken. Ob die Wirtschaft wächst oder schrumpft, wäre eine
Frage der gesellschaftlichen Gegebenheiten, aber kein Muss, um das System
am Leben zu erhalten. Würde beispielsweise die Bevölkerungszahl
wachsen, müsste natürlich auch mehr produziert werden, würde
diese schrumpfen, weniger. Damit würden viele weitere Zwänge
wegfallen:
1. Automatisierung, Standardisierung und Rationalisierung der Arbeit,
Innovationen und neue Technologien könnte man nutzen, um im breiten
Umfang die Arbeitszeiten zu verkürzen.
2. Man könnte die verbleibende Arbeitszeit mit etwas Kreativität
auf mehr Schultern aufteilen und Arbeitslosigkeit dadurch drastisch verringern.
3. Menschen, die täglich weniger Stunden arbeiten, erbringen mehr
Leistung, da diese weniger gestresst und ausgelaugt sind und dadurch intensiver
und kreativer arbeiten. Durch die resultierenden Produktivitätssteigerungen
könnte man weiter die Arbeitszeiten herabsetzen.
4. Man könnte langlebige Gebrauchsgüter statt billigem und kurzlebigem
Kram herstellen.
5. Reparaturleistungen und Erneuerungen wegen vorzeitigem Verschleiß
würden weniger notwendig.
6. Materielle Rohstoffe, die gewonnen, veredelt und recyclet, aber auch
transportiert werden müssen, würden weniger gebraucht.
7. Groß- und Einzelhandel, Logistik- und Transportunternehmen würden
weniger in Anspruch genommen.
8. Man könnte den Verkehr und Straßenbau drastisch minimieren.
9. Werbung und Marketing könnten sich auf das Notwendige konzentrieren.
10. Man müsste weniger in die Bauindustrie investieren, denn Häuser
und Infrastruktur könnten Jahrhunderte überdauern und länger
benutzt werden.
11. Der Leistungsdruck würde reduziert und die Menschen wären
dadurch weniger krankheitsanfällig. Aus diesem Grunde müsste
man sich weniger mit negativen Symptomen, wie Krankheiten und Unfällen,
auseinandersetzen.
12. Umweltschutz und Symptombekämpfung wären weniger notwendig.
13. Soziale Dienste würden weniger beansprucht, denn die Menschen
würden sich mehr einander zuwenden, schon allein weil die Zeit vorhanden
wäre.
14. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wäre endlich gewährleistet,
denn Kinder und Eltern sollten trotz Arbeit vor allem Zeit miteinander
verbringen. Dadurch würde immer weniger Betreuungspersonal benötig
bzw. hätten diese auch genügend Zeit für ihre eigenen Familien.
15. Urlaub und Tourismusindustrie müssten nicht als Wirtschaftsfaktor
und als Ausgleich für eine unbefriedigende Alltagswelt herhalten.
16. Man könnte die Bürokratie auf Kernaufgaben reduzieren.
17. Wenn der Laden fast von selbst läuft, könnte man die meisten
Politiker, die sich heute ohnehin nur mit Symptombekämpfung beschäftigen,
einfach einsparen.
18. Je mehr Menschen Zeit zum Nachdenken und Forschen hätten, desto
mehr könnten sie sich mit kreativen Dingen befassen, insbesondere
damit, wie man immer mehr notwendige, aber stupide und schwere Arbeit
einsparen könnte. Das wäre eine tolle exponentialfunktion! Dadurch,
dass immer mehr Menschen jenseits der Alltagserfordernisse Zeit zum Nachdenken
hatten, daraus ist doch unsere Hochkultur, das Land der Dichter und Denker,
Technologien und Wissenschaft erst entstanden. Wie wäre es mit dem
nächsten Quantensprung!
Wenn jeder einzelne Punkt nur eine Arbeitszeitersparnis von 3 Prozent
erbringen würde, hätten wir durch vielfältige Synergieeffekte
problemlos die Möglichkeit, eine Zwanzig-Stunden-Arbeitswoche als
Normalfall einzuführen. Langlebigere Produkte erwirkten z. B. weniger
Transportverkehr, dadurch weniger Straßenbau, weniger Autobau, dadurch
eine Entlastung der Umwelt und weniger notwendiger Umweltschutz, aber
auch weniger Erkrankungen bei Menschen, weniger Krankenkassen, niedrigere
Arbeitzeiten bei Helfern und Ärzten, weniger Apotheken, Arzneimittel,
Krankenhäuser etc. Außerdem weniger Werbung gleich weniger
Handel und weniger Verbrauch an Rohstoffen, die gewonnen, veredelt und
recyclet werden müssen; damit weniger Verkehr, weniger Straßen-
und Autobau
Wahrscheinlich wären die Arbeitszeiten für
viele Menschen sogar noch geringer als zwanzig Stunden pro Woche. Jeder
könnte sich wahrscheinlich aussuchen, wie viel und wie lange er arbeiten
möchte. Bei über 300 Mrd. Euro Zinszahlungen pro Jahr könnte
Gesamtdeutschland tatsächlich alle sieben Jahre ein volles Sabbatjahr
einlegen! Denn nach sieben Jahren würden die eingesparten Zinszahlungen
etwa die Höhe des gesamten Bruttoinlandsproduktes (etwa 2.200 Mrd.
Euro 2005) eines Jahres ausmachen! Stellen Sie sich mal vor, alle arbeitenden
Menschen könnten theoretisch ein Jahr lang völlig aus dem Berufsleben
aussteigen! Eine Zwanzig-Stunden-Arbeitswoche ist also keine Utopie, oder
meinen Sie etwa, eine Arbeitsgemeinschaft "Deutschland", die
sich Hochtechnologiestandort und Industrienation nennt, könnte das
gesellschaftliche Leben nicht wenigstens so organisieren, wie es der anfangs
bereits erwähnte Selbstversorger Gerhard Schönauer mit seiner
Vier-Stunden-Tagesarbeit und einigen Monaten Urlaub hinbekommt?! Die positiven
Folgen einer Geldreform wären für die Menschen und die Gesellschaft
insgesamt nicht abzuschätzen!
Die Zeit ist reif für den Wechsel!
Geld allein macht nicht glücklich, das wissen sogar viele Reiche.
Was nutzt denn auch das größte Vermögen, wenn man sich
selbst nicht wertschätzen kann? Geld kann kein Eigenwertproblem lösen,
darum reicht es zu dessen Behebung niemals aus - egal welcher Gesellschaftsschicht
man angehört. Sie können sich also noch so hocharbeiten und
die tollste Karriere hinlegen, wenn Sie sich ständig an denen, die
noch mehr besitzen orientieren, werden Sie niemals zufrieden sein. So
mancher denkt, er wäre glücklicher, hätte er doch endlich
seine erste Million. Doch was tut er, wenn er diese tatsächlich hätte?
Er strebt nach der nächsten. Und mit dem Streben nach dem Geld vergeht
sein Leben.
Geld allein macht nicht glücklich, aber ohne Geld kann man seine
Grundbedürfnisse nicht stillen. Geld ist nötig, um Leistung
gegen Ware und Ware gegen Leistung tauschen zu können. Unser Geld
ist jedoch zum großen Teil zu einem System der Umverteilung von
Arbeitswerten verkommen. Wie viel der Arbeit ist aber wirklich für
ein Endprodukt nötig? Diejenigen, die keinen anderen Ausweg aus dieser
Problematik sehen als Arbeit, Arbeit und noch mehr Arbeit, für die
gibt es auch mit einer freiwirtschaftlichen oder auch sonst gearteten
Lösung kaum Hoffnung. Aber warum lieben sie nur diese Arbeit so sehr?
Ist es eine innere Lehre, vor der sie fliehen? Ist es Langeweile? Ist
es die Angst, nicht gebraucht zu werden? Ist es Unselbstständigkeit?
Ist es Fantasielosigkeit? Sind es ideologische Scheuklappen?
Deutschland kann mittlerweile mit seiner Produktivität halb Europa
mit Waren und Dienstleistungen eindecken. Wir sind nicht umsonst Exportweltmeister!
Die Konsumtempel sind randvoll, auch mit unnützem Kram. Es macht
also keinen Sinn, die Produktivität weiter zu steigern und Arbeitszeiten
zu verlängern. Was bringt zudem die neueste Innovation, wenn andererseits
das Geld für gesunde Lebensmittel nicht ausreicht? Was macht der
neueste Computer für einen Sinn, wenn man immer weniger Zeit für
sich findet? Sind wir denn alle Sklaven, Sklaven durch die Werbung manipulierter
Bedürfnisse? Arbeit wird es immer geben und immer brauchen, denn
es gibt auch stets unbefriedigte natürliche Bedürfnisse. Maschinen
helfen uns dabei, mit zunehmend weniger Arbeit immer mehr produzieren
zu können, um diese Bedürfnisse damit zu befriedigen. Aber die
Grundfrage ist doch, was ab einer gewissen Stufe des gemeinschaftlichen
wie persönlichen Wohlstandes wichtiger ist: die Erfüllung aller
materialistischen Wünsche? Oder ist ab einem gewissen Punkt etwas
anderes viel wichtiger: die Freiheit!
Um diese Freiheit zu erlangen, müssen wir die Scheuklappen (auch
ideologische), die uns tagtäglich über die Massenmedien aufgelegt
werden, ablegen. Lassen wir uns nicht verulken: Geld arbeitet nicht! Die
Menschen arbeiten! Aber die Menschen müssen nicht immer mehr und
härter arbeiten, damit es ihnen nicht schlechter geht! Lassen wir
uns auch nicht im Verteilungskampf gegeneinander ausspielen. Menschen
sind einerseits egoistische, andererseits aber auch soziale Wesen. Darum
lasst uns gemeinsam für eine Gesellschaft ohne Leistungszwang und
Profitstreben eintreten! Wir haben alle gemeinsam dasselbe Ziel: Arbeitslose
wie Arbeitende; Unternehmer wie Angestellte; Innländer wie Ausländer;
Menschen, die etwas Bestehendes erhalten wollen, wie Menschen, die etwas
Neues etablieren möchten; Soziale wie Liberale; Rentner wie Jugendliche;
Kinderlose wie Familien; Studierte wie Unstudierte; Theoretiker wie Praktiker
usw.
Alle sind wichtig! Es geht nicht um einen Kampf von Arm gegen Reich, sondern
darum zu verhindern, dass die Armen immer zahlreicher werden! Auch die
Reichen müssen erkennen, dass es sich in einer Gesellschaft mit großen
sozialen Ungerechtigkeiten nicht gut leben lässt. Niemanden muss
etwas weggenommen werden! Es kommt nur nichts mehr "automatisch"
dazu. Mit diesem System droht ein Bürgerkrieg oder Schlimmeres! Was
gibt es Wichtigeres, als dies zu verhindern?! Darum reden wir mit unseren
Bekannten, Verwandten und Arbeitskollegen über dieses Thema. Machen
wir es publik! Nehmen wir unser Recht auf demokratische Mitbestimmung
ernst und stellen wir unsere Politiker zur Rede. Eine Politik ohne Alternativen
gibt es nur in Diktaturen! Daher zeigen wir den Politikern diese Alternativen
auf. Und wenn dies zu wenig fruchtet, so vereinigen wir uns alle zu einer
Volksbewegung, die nicht zu übersehen und nicht zu überhören
ist! Fordern wir gemeinsam Gerechtigkeit ein! Gehen wir gemeinsam neue
Wege!
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